Lettre International, Herbst 2008 (Julia Encke)
" JE: Nehmen wir zum Beispiel Ihren Roman Benjamin à Montaigne. Il ne faut pas le dire (2001), der jetzt ins Deutsche übersetzt wurde.
HC: Benjamin à Montaigne ist eine Fiktion, man könnte das Buch mit einem Theaterstück vergleichen. Innerhalb dieser Fiktion gibt es untergründige Fäden, mit denen man philosophische Essays schreiben könnte – nur daß ich dies nicht tue. Ich spinne die Fäden, mache aber keinen Lehrsatz daraus, überlasse die theatrale Szene sich selbst. Wenn ich im Roman Fragen der Identität berühre, etwa, was es bedeutet, jüdisch oder deutsch zu sein, versuche ich nicht, Ordnung zu schaffen. Ich räume nicht auf, sondern belasse die Dinge vorsätzlich im unklaren.
JE: Als ich den Titel Benjamin nach Montaigne. Was man nicht sagen darf zum ersten mal las, dachte ich an Walter Benjamin. Das Buch beginnt mit der Rückkehr der Mutter und der Tante der Ich-Erzählerin vom Treffen der 'ehemaligen jüdischen Mitbürger' in ihrer Heimatstadt Osnabrück. Die Stadt hat ihre 'letzten noch lebenden Juden' aufgespürt und sie eingeladen. Beide sind hingefahren, 'ins Theater ihrer eigenen Verschattung'. Im Roman stellt sich heraus, daß Benjamin der Name des Großonkels der Ich-Erzählerin ist, der von der Familie ausgestoßen und gezwungen worden war, nach Amerika auszuwandern. Er war fast noch ein Kind. Man wollte mit ihm nichts mehr zu tun haben, sprach nie wieder über ihn. 'Was man nicht sagen darf', ist, daß diese Selbstvertreibung eine Art Vorspiel zur totalen Fremdvertreibung einige Jahrzehnte später war. Ein Verbot, das auch Hannah Arendt bei ihrer Berichterstattung über den Eichmann-Prozeß zu spüren bekam, als sie die Beteiligung der jüdischen Gemeinden an der Auswahl der zu Deportierenden ansprach. Im Roman werden die lange verdrängten Schuldgefühle gegenüber dem ausgestoßenen Benjamin im Zug nach Osnabrück wieder lebendig. Gibt es zwischen diesem Benjamin und Walter Benjamin im Roman irgendeine Verbindung?
HC: Er ist hier nicht gemeint, aber ich habe nichts dagegen, wenn Walter Benjamin oder der Benjamin aus der Bibel meinen Text durchgeistern. Sie sehen hier, wie Literatur arbeitet. Sie ist wie ein Maulwurf. Erinnern Sie sich an Shakespears Hamlet, in dem der Geist zum Maulwurf wird. Das ist die große Metapher, die man überall findet, bis hin zu Marx. Für mich hat der Name Benjamin in diesem Buch diese Maulwurffunktion. Wenn ich schreibe, sind alle denkbaren Benjamin-Bezüge präsent. Selbst wenn es nicht direkt um Walter Benjamin geht, ist er untergründig da. Als ich 1988 mit Ariane Mnouchkine an einem Theterstück über den Widerstand gearbeitet habe, wollten wir Walter Benjamin als lebende Person auftreten lassen. Aus dem Stück wurde dann nichts. Erst viel später habe ich tatsächlich über ihn geschrieben, in meinem Buch Hyperrêve.
JE: Was bedeutet der Titel Benjamin à Montaigne, den man kaum ins Deutsche übertragen kann?
HC: Er spielt mit doppelten Bedeutungen. Im Französischen kann er bedeuten, daß sich der Großonkel Benjamin an Michel de Montaigne, den Denker der Sterblichkeit, wendet. Oder daß Benjamin sich ins Schloß Montaigne begibt, wo die Turmbibliothek des Philosophen erhalten ist. Der Roman löst es nicht auf."
Das ganze Gespräch lesen Sie in der Zeitschrift "Lettre International" Heft 82 (Herbst 2008). http://www.lettre.de/