testcard, 13.02.2009 (Martin Büsser)
"Die Kinder der Holocaust-Überlebenden seien 'als Verkörperung der Hoffnung eines Neubeginns auf die Welt gekommen'. Andererseits inkarnierten sie 'mit der schieren eigenen Existenz das, wes Gedenken der Gegenstand schwerster Schuld ist: die Schuld des Überlebens'. So beschreibt der israelische Schriftsteller Moshe Zuckermann in seinem Aphorismenband Zeit der Lemminge die 'Dialektik der Gedenkkerze'. Den Nachkommen der Opfer sei 'die Last einer fremden Schuld aufgebürdet, jener, die durch symbiotische Identifikation mit dem Leiden derer, die einen zur Welt gebracht und sich irgendwo in der Düsternis ihrer jung-alten Existenz das eigene Überleben nie verziehen haben, die eigene wurde'.
Jeder seiner Aphorismen, so Moshe Zuckermann, beanspruche Autonomie. Dennoch bilden sie zusammen alles andere als eine (wahl)lose Anhäufung von Textfragmenten: Weil sie sich thematisch allesamt in chronologischer Ordnung um die Ereignisse des Jahres 2001 – den Anschlag auf das WTC, die Eskalation der zweiten Intifada, den Ausbruch der Maul- und Klauenseuche in England – sowie um die Reflexionen des Autors während dieser Zeit ranken, sind sie 'auch als eine Art Tagebuch' zu verstehen. [...] Zeit der Lemminge ist also weit mehr als bloß ein Tagebuch: Durch seine Komposition von Haupt- und Nebensächlichem, Wesentlichem und Marginalem, Strukturellem und Zufälligem formieren sich Zuckermanns Textfragmente zu einer universellen kritischen Theorie der Moderne."
Lesen Sie die gesamte Rezension in der Anthologie "testcard" Nr. 82 (Februar 2009).