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Franzobel: Moser oder Die Passion des Wochenend-Wohnzimmergottes [«]

Die Furche. Nr. 9, 04.03.2010, S. 14. (Patrick Blaser)

"Die ausgerechnet von der Kultursprecherin der FPÖ geäußerten Befürchtungen, Franzobel würde den stets grantelnden und nuschelnden Publikumsliebling Hans Moser sechsundvierzig Jahre nach dessen Tod als "Feigling und Sympathisanten" der Nationalsozialisten verunglimpfen, bestätigten sich nicht in der inkrimierten Weise.

Franzobel zeichnet in seinem nun in der Josefstadt durch Peter Wittenberg zur Uraufführung gebrachten Stück den Volksschauspieler, der 1938 beim Anschluss bereits 58 Jahre alt war, sehr viel differenzierter. Das Stück lebt von einem Grundeinfall: Es lässt gleichzeitig einen müden, 'alten' (Erwin Steinhauer) und einen agilen 'jungen' Moser (Florian Teichtmeister) sich im Himmel begegnen, wo beide, bald unterstützt durch die umtriebige und zu einem mondänen Lebensstil neigende Gattin Blanca (Sandra Cervic) im Wettbewerb verbissen um ein Engagement ringen. [...]

Diese Konstruktion des doppelten Moser gibt Franzobel genug Gelegenheit, dessen Verhalten gegenüber den Nazis zu untersuchen. Ihn interessierten gerade die Uneindeutigkeit in Mosers Position, die Kompromisse, die er als Künstler des NS-Reichs eingegangen ist, wahscheinlich hat eingehen müssen, um seine jüdische Frau zu schützen. Einerseits zitiert er den Bittbrief Mosers an Hitler, dessen Ton nicht ohne bitteren Beigeschmack ist, und andererseits rückt er ihn zaghaft und historisch wohl falsch in die Nähe des Widerstands. [...]

Obwohl Franzobel seinen Moser als unpolitischen und minimal widerständigen Menschen zeigt, ist er fern davon, ihn zu verurteilen oder auch nur zu denunzieren. Leider gelingt es ihm aber auch nicht, das menschliche Drama hiner dem Dilemma zu zeigen. Zu sehr frönt er einerseits dem wüsten Klamauk und lässt kaum einen Kalauer aus. Andererseits evoziert die mit Roland Neuwirths Schrammelmusik unterlegte Inszenierung von Wittenberg die Nachkriegsfilme Mosers mit der unsäglichen Walzer-Seligkeit, Wien-Kitsch mit süßen Mädeln und Fiakern. Es bleibt wahrscheinlich dem Leser des gleichzeitig mit der Urausfführung im Passagen Verlag erschienenen Textes überlassen, Mosers Haltung als innere Emigration, Überlebensopportunismus, Karrierismus oder Mitläufertum zu werten.