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Zyklus, Chaos, Beschleunigung: Volker Demuth und die "Zyklomoderne" [«]

Foto: © Volker Demuth

Herr Demuth, in Ihrem Essay "Zyklomoderne" schlagen Sie ein neues "Deutungsmodell der Weltkultur" vor, demzufolge nicht mehr das Lineare, sondern zusehend das Zyklische die Weltgrammatik bestimmt. Worin liegt, Ihrer Ansicht nach, dieser strukturelle Umbruch begründet?

Vielleicht muss man zunächst einmal festhalten, dass bestimmte Zeitperioden von gewissen Figurationen charakteristisch organisiert werden. Von pyramidalen Hierarchien etwa, von geometrisierenden Ordnungen oder linearen Zurichtungen von Lebensrealität. Diese Grundfiguren garantieren dann die Standards der Vernünftigkeit. Wer ihnen entspricht, lebt und handelt rational. Wenn jetzt sichtbar wird, dass die Grammatik der Weltkultur sich verändert, so ist das keine Feststellung über den Weltgeist oder eine geschichtsphilosophische Theorie, sondern das Ergebnis von Recherchen im historischen Material. Diese zeigen, bei technik-, medien- und körpergeschichtlichen Analysen, die in der Neuzeit beginnen und in die Gegenwart reichen, einen zunehmend kraftvolleren Prozess der Aufladung unserer Umwelt - der Objekt-, Ereignis-, Handlungs- und Wahrnehmungswelt - mit gyrodynamischen, zyklischen Energien und Strukturen. Sie schreiben sich als Information der materiellen Welt, in der wir leben, ein. Eine kulturelle Konfiguration, die nach einer Phase der Linearisierung verstärkt rekursive, rückgekoppelte und rotierende Prozesse formativ entwickelt und sich entsprechend selbst formatiert.

Jahrhundertelang definierte sich das Abendland über Linearität und Fortschritt. Die Vorherrschaft der Linearität bedeutete zugleich die Souveränität des Subjekts. Gefährdet nun das Zirkuläre die aktuelle Hochheit des Subjekts oder sind der Kreis und die Drehung heutzutage weniger suspekt?

In der Tat beherrschte der Gedanke oder die Grundfigur der Linie, der Geraden die Ordnungsideale der Architektur, des Militärs, des Verkehrraums etc. Linientreue galt nicht nur politisch als Charakterstärke, auch Geradlinigkeit wurde moralisch zum Subjektsmerkmal geadelt. Die Zeitlinie – übrigens ein Effekt des Mediums Schrift und seiner seriellen Datierbarkeit – erregte den Projektionsstrahl in die Zukunft, provozierte utopisches Denken in Fortschrittsbegriffen. Wird nun erkennbar die Fortschrittsidee problematisch, mehr noch, offenbart der Fortschritt sich als Fiasko, indem eine lineare historische Progression mit ihren eigenen Konsequenzen konfrontiert wird, mit Überbeschleunigung, Wachstumsgrenze, Umweltzerstörung, Ressourcenverbrauch und Artenvernichtung, reagiert eine darauf aufbauende Kultur natürlich verunsichert. Man spricht von Unübersichtlichkeit, Chaos oder dem Ende der Geschichte. Linearität und Fortschritt war ja zuinnerst verknüpft mit der Überzeugung von Dominanz und Beherrschung. Beide scheinen nun immens fragwürdig.

Worin liegt die "Gravitation unseres Seins" begründet, was hält uns in unserer Umlaufbahn?

Es scheint mir schwierig oder sogar unstatthaft, von einem "Wir" oder "Uns" zu sprechen, das leicht den Sinn eines kollektiven Subjekts oder Objekts der Geschichte annimmt. Die Lineartur historischen Denkens nötigte zur Fiktion eines Geschichtssubjekts. Die Aufgabe, wenn man so will, besteht jedoch heute darin, die kulturelle Matrix zu erfassen, nach der sich kulturelle Prozesse konfigurieren, möglichst mit global offenem Visier. Dabei surfen wir nicht mehr auf einem Zeitstrahl, wir kreisen aber auch nicht in einer Umlaufbahn um ein Zentrum. Vielmehr zerstreuen sich in der automatischen, ökonomischen, psychologischen, informationstechnischen Steuerungsmoderne, wie sie sich im technischen, elektronischen und biokybernetischen Zeitalter entwickelt hat, die zyklischen Prozesse im großen Sinn zu vielen kleinen Regelkreisen der zivilen Alltagswelt. Spätestens mit dem Eintritt in die globale Medienwirklichkeit wird das Kreisen zur Semantik der Weltkultur. Medienwelt nämlich bedeutet: Verdichtung und Vollendung der Erlebnis- und Handlungsschleifen. Jeder agiert in seiner Weise Tag für Tag darin. Und dass Menschen deswgen oft das Gefühl haben zu rotieren, ist nicht untypisch für Individuen in kybernetischen Gesellschaften, in denen sie in hochdynamischen Kreisläufen operieren.

In Anlehnung an Claude Lévi-Strauss sprechen Sie von kalten und heisen Gesellschaften. Die einen insistieren auf das Altbewährte und erstarren in ihrer Beharrlichkeit. Das Alte und Wiederkehrende bietet dabei Halt und stiftet Sinn. Die anderen wiederum streben nach Veränderung und dem stets Neuen. Angesichts der Rückkehr des Zirkulären sind wir auf dem besten Weg, ebenfalls Züge einer erkalteten Gesellschaft anzunehmen, ohne dabei tatsächlich erkalten zu wollen. Laufen wir damit Gefahr, aus der Bahn geworfen zu werden und ist der Wunsch nach Beschleunigung nicht vielmehr ein Symptom unserer Haltlosigkeit? Hat diese Beschleunigung überhaupt noch eine Richtung/Ordnung?

Unser Blick auf das heutige Subjekt lässt doch in bester Klarheit erkennen, dass das kybernetische Ich in Netzwerken aus Kommunikationen und Interaktionen kreist. Über Wahrnehmungsoberflächen und Manuale agieren Individuen mit elektronischen Apparaten, wo sie in Echtzeit Entscheidungen treffen müssen, die in kybernetischen Räumen eine Vielzahl von Effekten auslösen, welche sie wiederum mit neuen Reizen und Handlungserfordernissen einkreisen. In dieser Konfiguration gibt es keine Metaposition, keine Transzendenz. Auf der Suche nach sich selbst, gerät das Individuum in die Endlosigkeit der Schleifenbewegung. Im kybernetischen Areal elektronischer Selbstinformierung wird das Selbst buchstäblich gegenstandslos. Aber nicht haltlos. Denn auch Verluste können befreiend sein.

Worin sehen Sie die Chancen und worin die Gefahren einer rotierenden
Gesellschaft, die nicht erkalten will?

Wer Leute bei Computer- oder Videospielen beobachtet, begreift schnell, man muss ihr Tun als neuronale oder cerebrale Tänze in Mensch-Maschine-Schleifen ansehen. Ein Spiel der Attraktion und Aggression, bei dem die Datenzirkulation zwischen Gehirn und PC das völlige Einswerden mit den Input- und Output-Prozessen erfordert. In dieser sensuell-emotional grundierten Bewegungsform vollziehen sich schon jetzt viele der aktuellen sozialen, ökonomischen und auch politischen Prozesse. Wenn sie richtig gestaltet werden, dann ermöglichen sie Rekursionen, die ein korrigierendes Nachjustieren erlauben. Genau das, was die klassische Controlling-Funktion in Computern und Unternehmen ausmacht. Ohne diese kontrollierenden Schleifen könnte allerdings die Zyklomoderne auch zur Zentrifuge werden, deren Kreisbewegung so schnell wird, dass Gesellschaften und psycho-physische Systeme wie Menschen dem nicht mehr standhalten. Die Finanz- und Wirtschaftskreisläufe nähern sich da einem kritischen Wert.

Sollten wie die Rückkehr zum Zirkulären nicht als Chance begreifen, uns auf den Stillstand der Zeit besinnen und eine bewusste Langsamkeit wiederentdecken?

Es geht nicht um Langsamkeit. Sie wird, selbst wenn man damit etwas Konkretes verbinden könnte, keine weltkuturelle Lösung der sichtbaren Zivilisationsprobleme nicht eröffnen. Vielversprechender ist in meinen Augen das Design von Kreislaufsystemen. Und da hat sich inzwischen eine Menge an wissenschaftlicher Erfahrung angesammelt. Beispielsweise der Polynomcode oder zyklische Redundanzcode, der die Wahrscheinlichkeit fehlerhafter Datenübertragung minimiert, also über Schleifen Informationssicherheit herstellt. Oder das Recycling: materielle und industrielle Kreisläufe, die durch Energiekreisläufe von regenerativen Energien ergänzt werden. Ökologie ist Zyklus-Wissenschaft, die im globalen Maßstab untersucht, in welchen Kreisläufen die Taten von heute die Reaktionen und damit die Welt von morgen bestimmen werden. Nicht Langsamkeit also sondern ein über die Produktionsindustrie hinaus erweitertes life cycle management.

Ob das Rotieren ein Fluch oder Segen fur uns ist, lasst Ihr Essay vorerst
offen. Lassen sich diesbezüglich auch bereits konkrete Antworten finden?

Heute hängen nicht nur Krisen und Katastrophen sondern auch die Überlebenschancen der Menschheit davon ab, inwieweit es gelingt, energetische und materielle Mikro- und Makrozyklen zu organisieren. Ein Prozess, bei dem wir Menschen erst am Anfang und vermutlich nie mehr im Zentrum stehen. Das ist nicht weiter schlimm. Wichtig nämlich dürfte einzig sein, in der kreisenden  Neukonfiguration der Moderne Lösungsmöglichkeiten für ihre selbstgemachten "fortschrittlichen" Probleme zu erkennen und sie auch umzusetzen.

Zur ausführlichen Passagen Website Buchinformation.

 
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