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Wenn ein Paul dem anderen schreibt [«]

Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr. 153, S. 14, 7. 7. 2010 (Willy Hochkeppel)

"Nein, Paul Feyerabends Adressat ist nicht der weltberühmte Mode- und Porträtfotogtaf Hoyningen-Huene. Der hieß George. "War das Dein Onkel?" fragt Feyerabend seinen Briefpartner Paul Hoyningen-Huene, aber der wie auch der Herausgeber verraten es uns nicht. […]

1977 war Hoyningen auf Feyerabends Hauptwerk "Wider den Methodenzwang" (Against Method) gestoßen, und von da an muss sich bei ihm das Gefühl einer Wahlverwandschaft mit dem wilden Denker herausgebildet haben. In dem Briefwechsel von 1983 bis 1994, Feyerabends Todesjahr, ist Hoyningen auf dem steinigen Weg vom Famulus ins steinige Establishment, folglich sind die Briefe voll von Überlegungen zu Bewerbungsstrategien, dem Knüpfen von Beziehungen, dem Einholfen von Gutachten. Dabei sehen wir Feyerabend, der hauptsächlich zwischen Berkeley und Zürich pendelt, als rührend bemühten Menschen, der immer wieder "schmalzige" Gutachten für den aufstrebenden Freun verfasst. "Lieber Paul, beiliegend das gewünschte Schmalz. I hope it does the trick", "Lieber Paul, herzlichen Dank für Dein Schmalz."[…]

Hoyningen, der bald auch ständig zwischen Europa und Amerika unterwegs ist, empfiehlt Feyerabend hier und da Autoren, die ganz außerhalb des engen wissenschaftstheoretischen Kreises liegen. "Vielen Dank für Deinen Heidegger-Hinweis. Die Marburger Vorlesungen (Logik) finde ich ganz ausgezeichnet… Leider scheint es es, daß er später an Tiefe gewann und damit, für mich, an Langeweile". Hoyningen teilt in gewissem Maße Feyerabends Unterminierung unreflektierten Wissenschaftsglaubens, dessen Widerwillen gegen akademisches Gehabe, seine Ridikülisierung des Gelehrten, darin ganz in Nietzsches Fußstapfen. Nicht zuletzt hierin gründet Feyerabend Anarchismus, Dadaismus, seine Clownerien, die ja nur das Andere seinen philosophischen Ernstes sind, und, als Pluralist, des Leidens an allem Stumpf Monistischen; es sind heilsam provozierende Maskeraden à la Nietsche: "Alles, was tief ist, liebt die Maske". Man gewinnt den Eindruck, dass sich Feyerabend in diesem Briefwechsel mit einem viel Jüngerem von einer etwas anderen milderen Seite zeigt.[…]

Wenn es um den Austausch wissenschaftstheoretischer Argumente geht, kann Hoyningen Feyerabend mit der Zeit das Wasser reichen; in der Kunst lebendig-witzigen Briefschreibens bleibt Hoyningen indes im Schatten Feyerabends, der auch in dieser Korrespondenz seine provokatorischen Duftmarken setzt. "Du hast keine Ahnung, wie viele Bücher ich habe. Biographien von Filmstars, Verbrechern, Schauspielern, Wissenschaftlern, Bücher über die Geschichte der Kartoffel, des Wasserklosetts, des Steigbügels…".[…]

Mit wem Feyerabend auch Briefe wechselte […], er sorgte neben fundiert Philosophischem allemal für geistreich-amüsante Unterhaltung.

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