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Jacques Rancière - Die Irren und die Weisen [«]

Zur Angelobung von Joe Biden hat uns unser Autor Jacques Rancière einen Text über Donald Trump zur Verfügung gestellt, den wir, mit freundlicher Genehmigung des Autors, natürlich gerne veröffentlichen.

 

Die Irren und die Weisen

Überlegungen zum Ende der Präsidentschaft Trumps.

Es ist leicht, sich über die Fehler Trumps lustig zu machen und sich über die Gewalt seiner fanatischen Anhänger zu empören. Aber dass ausgerechnet im Wahlprozess jenes Landes, das die besten Voraussetzungen besitzt, um die Wechsel im repräsentativen System abzuwickeln, die reinste Irrationalität ausbricht, wirft auch Fragen über die Welt auf, die uns mit ihm verbindet: eine Welt, die wir für die Welt des rationalen Denkens und der friedlichen Demokratie gehalten haben. Und die erste Frage lautet natürlich: Wie kann man die sichersten Fakten mit einer solchen Hartnäckigkeit leugnen, und wie kann es sein, dass diese Hartnäckigkeit dann auch noch so viel Anklang und Unterstützung findet? Manche klammern sich noch an den alten Rettungsanker: Diejenigen, die sich weigern die Fakten anzuerkennen, sind entweder schlecht informierte Unwissende oder Leichtgläubige, die sich von Fake News täuschen lassen. Das ist die klassische Idylle des guten Volkes, das sich aufgrund seiner Einfältigkeit leicht in die Irre führen lässt und dem man bloß beibringen muss, sich über die Fakten zu informieren und sie mit kritischem Geist zu beurteilen. Aber wie können wir noch an diese Mär von der Naivität des Volkes glauben, wenn wir in einer Welt leben, in der die Mittel, um an Informationen zu kommen und diese zu verifizieren, sowie Kommentare zur „Entschlüsselung“ jeder beliebigen Information im Überfluss vorhanden und für alle verfügbar sind? Wir müssen das Argument also umdrehen: Wenn das Offensichtliche geleugnet wird, dann geschieht dies nicht aus Dummheit, sondern um zu zeigen, dass man intelligent ist. Und bekanntlich besteht Intelligenz nun mal darin, den Fakten zu misstrauen und sich zu fragen, wozu diese enorme Flut an Informationen, die uns täglich überschwemmt, eigentlich gut ist. Dafür hat man natürlich eine Antwort parat: Offensichtlich soll damit die Welt getäuscht werden, denn das, was für alle sichtbar an der Oberfläche liegt, dient in der Regel bloß dazu, die Wahrheit zu verdecken, und man muss in der Lage sein, die Wahrheit unter dem trügerischen Schein der gegebenen Tatsachen aufzuspüren. Die Kraft dieser Antwort liegt darin, dass sie sowohl die größten Fanatiker als auch die größten Skeptiker zufriedenstellt. Eines der bemerkenswerten Merkmale der neuen extremen Rechten ist die Rolle, die dabei Verschwörungstheorien und negationistische Theorien spielen. Diese Theorien haben geradezu wahnhafte Züge, wie die Theorie, die behauptet, dass es eine große internationale Pädophilen-Verschwörung gäbe. Aber dieser Wahn ist letzten Endes bloß die extreme Variante einer Rationalitätsform, die in unseren Gesellschaften allgemein anerkannt ist: Eine, die uns dazu auffordert, jede einzelne Tatsache als Resultat einer globalen Ordnung zu begreifen und in den Gesamtzusammenhang zu stellen, in dem sie sich schließlich ganz anders zeigt, als sie zunächst erschien.

Wir wissen, dass dieses Prinzip, das jede Tatsache durch die Gesamtheit ihrer Verbindungen erklärt, auch umgekehrt gilt: Es ist immer möglich, eine Tatsache zu leugnen, indem man sich auf ein fehlendes Glied in der Kette der Bedingungen beruft, die sie ermöglichen. So leugneten radikale marxistische Intellektuelle bekanntlich die Existenz der Nazi-Gaskammern, weil es unmöglich war, deren Notwendigkeit aus der Gesamtlogik des kapitalistischen Systems abzuleiten. Und auch heute noch gibt es scharfsinnige Intellektuelle, die der Ansicht sind, das Corona-Virus sei ein Märchen, das unsere Regierungen erfunden hätten, um uns besser kontrollieren zu können. Verschwörungstheorien und negationistische Theorien beruhen auf einer Logik, die nicht bloß Einfältigen und Geisteskranken vorbehalten ist. Ihre extremen Varianten bezeugen den Anteil von Unvernunft und Aberglauben, der der Rationalitätsform, die in unseren Gesellschaften vorherrschend ist, und den Denkweisen, die ihre Funktionsweise interpretieren, innewohnt. Aber für die Möglichkeit, alles zu leugnen, ist nicht der „Relativismus“ verantwortlich, der von jenen großen Geistern infrage gestellt wird, die sich für die Hüter der rationalen Universalität halten. Sie ist eine Perversion, die der Struktur unserer Vernunft eingeschrieben ist.

Man wird entgegnen, dass es nicht genüge, die intellektuellen Waffen zu haben, um alles zu leugnen. Man muss es auch wollen. Das ist völlig richtig. Aber man muss sich klarmachen, worin dieser Wille eigentlich besteht oder vielmehr dieser Affekt, der uns dazu bringt, zu glauben oder eben nicht zu glauben. Es ist kaum anzunehmen, dass es sich bei den 75 Millionen Wählerinnen und Wählern, die für Trump gestimmt haben, ausnahmslos um geistig Minderbemittelte handelt, die sich von seinen Reden und den darin verbreiteten Falschinformationen überzeugen ließen. Sie glauben nicht in dem Sinne, dass sie das, was er sagt, für wahr halten. Sie glauben in dem Sinne, dass sie sich über das freuen, was sie zu hören bekommen: eine Freude, die alle vier oder fünf Jahre in Form eines Wahlzettels ausgedrückt werden kann, die aber tagtäglich viel einfacher, durch einen bloßen Like, ausgedrückt wird. Und diejenigen, die Falschinformationen verbreiten, sind weder so naiv, sie für wahr halten, noch so zynisch, dass sie von ihrer Falschheit überzeugt sind. Es sind einfach Leute, die das Bedürfnis haben, dass es so ist, die das Bedürfnis haben, in der sinnlichen Gemeinschaft, die sich aus dem Gewebe dieser Worte bildet, zu sehen, zu denken, zu fühlen und zu leben.

Wie sind diese Gemeinschaft und dieses Bedürfnis zu denken? Hier lauert ein weiterer Begriff, den die selbstgefällige Faulheit schnell bei der Hand hat: der des Populismus. Dieser beruft sich nun nicht mehr auf ein gutes und naives Volk, sondern, umgekehrt, auf ein frustriertes und missgünstiges, das bereit ist, demjenigen zu folgen, der in der Lage ist, seine Ressentiments zu verkörpern und ihnen eine Ursache zuzuweisen. Trump, so sagt man uns, sei der Vertreter jener hilflosen und wütenden kleinen weißen Leute: derjenigen, die vom wirtschaftlichen und sozialen Wandel abgehängt wurden, im Zuge der Deindustrialisierung ihre Beschäftigung und mit dem Aufkommen neuer Lebens- und Kulturformen die Orientierungspunkte ihrer Identität verloren haben, die sich von den abgehobenen politischen Eliten im Stich gelassen und von den gebildeten Eliten verachtet fühlen. Das Lied ist nicht neu: Genauso hat man die Arbeitslosigkeit in den 1930er-Jahren als Erklärung für den Nationalsozialismus herangezogen, und genauso wird es unermüdlich wiederholt, wenn die extreme Rechte hierzulande wieder einmal einen Zuwachs verzeichnen kann. Aber wie kann man ernsthaft glauben, dass alle 75 Millionen Trump-Wähler diesem Profil entsprechen? Dass sie alle Opfer der Krise, der Arbeitslosigkeit und des sozialen Abstiegs sind? Wir müssen also auch diesen zweiten Rettungsanker der intellektuellen Bequemlichkeit aufgeben, diese zweite Figur des Volkes, dem traditionell die Rolle des irrationalen Akteurs aufgebürdet wird: dieses frustrierte und brutale Volk ist das Pendant des guten und naiven Volkes. Aber wir müssen noch weiter gehen und jene pseudo-gelehrte Rationalitätsform hinterfragen, die aus den politischen Ausdrucksformen des Volk-Subjekts Merkmale macht, die sich einer bestimmten aufstrebenden oder im Niedergang begriffenen sozialen Schicht zuordnen lassen. Das politische Volk ist keineswegs Ausdruck eines soziologischen Volkes, das ihm vorausginge. Es ist eine spezifische Schöpfung: das Produkt bestimmter Institutionen, Prozesse, Handlungsformen, aber auch bestimmter Worte, Sätze, Bilder und Vorstellungen, die keineswegs die Gefühle des Volkes zum Ausdruck bringen, sondern vielmehr ein bestimmtes Volk erzeugen, indem sie ihm ein spezifisches Affektregime schaffen.

Trumps Volk ist nicht Ausdruck sozialer Schichten, die in Bedrängnis sind und nach einem Beschützer suchen. Zunächst ist es ein Volk, das von einer spezifischen Institution hervorgebracht wurde, in der viele Unbelehrbare den höchsten Ausdruck der Demokratie zu sehen glauben: jene Institution, die eine unmittelbare und wechselseitige Beziehung zwischen einem Individuum herstellt, das die Macht aller verkörpern soll, und einem Kollektiv von Individuen, die sich in diesem wiedererkennen sollen. Zudem handelt es sich um ein Volk, das durch eine Form der Anrede konstruiert wird, eine bestimmte Form der Anrede, nämlich jene personalisierte Anrede, die durch die neuen Kommunikationstechnologien ermöglicht wird. Mit ihrer Hilfe richtet der Leader Tag für Tag das Wort an jeden Einzelnen, und zwar zugleich als öffentliche und als private Person, die dieselben Kommunikationsformen verwendet, die allen ermöglichen, täglich zu sagen, was ihnen einfällt oder was sie auf dem Herzen haben. Und schließlich ist es das Volk, das von einem spezifischen Affektsystem konstruiert wird, das Donald Trump mithilfe dieses Kommunikationssystems aufrechterhält: ein Affektsystem, das sich nicht an eine bestimmte Klasse richtet und das auch nicht die Frustration über deren Lage ausnutzt, sondern vielmehr ihre Selbstzufriedenheit, nicht das Gefühl einer Ungleichheit, die es zu beheben gilt, sondern das eines Privilegs, das bewahrt werden muss, gegen die Angriffe all derer, die es abschaffen wollen. Die Leidenschaft, an die Trump appelliert, hat nichts Mysteriöses an sich, es ist die Leidenschaft der Ungleichheit, jene Leidenschaft, die es Reichen und Armen gleichermaßen ermöglicht, eine Vielzahl von Unterlegenen zu finden, über die es um jeden Preis die Oberhand zu behalten gilt. Denn es gibt immer eine Überlegenheit, an der man Anteil haben kann: Die Überlegenheit der Männer über die Frauen, der weißen Frauen über die farbigen Frauen, der Berufstätigen über die Arbeitslosen, die Überlegenheit derjenigen, die in zukunftsfähigen Berufen arbeiten über jene, die dies nicht tun, die Überlegenheit derjenigen, die eine gute Versicherung haben, über jene, die auf die Solidarität der Öffentlichkeit angewiesen sind, die Überlegenheit der Einheimischen über die Migranten, der Staatsbürger über die Fremden, der Bürger des Mutterlandes der Demokratie über den Rest der Menschheit.

Die Tatsache, dass man im Kapitol, während es von den trumpistischen Schergen besetzt war, sowohl die Flagge der dreizehn Gründerstaaten als auch die der Südstaaten, die die Sklaverei befürwortet hatten, sehen konnte, veranschaulicht sehr gut diese eigenartige Montage, die aus der Gleichheit den höchsten Beweis der Ungleichheit und aus dem pursuit of happiness einen Affekt des Hasses macht. Aber diese Identifikation der Macht aller mit der grenzenlosen Ansammlung von Überlegenheit und Hass kann ebenso wenig auf das Ethos einer bestimmten Nation zurückgeführt werden wie auf eine bestimmte soziale Schicht. Wir wissen, welche Rolle hier der Gegensatz zwischen dem Frankreich der Berufstätigen und dem Frankreich der Sozialempfänger spielt, zwischen denen, die vorwärts streben und jenen, die in veralteten sozialen Sicherungssystemen feststecken, oder zwischen den Bürgern jenes Landes, das für die Aufklärung und die Menschenrechte steht, und den rückständigen und fanatischen Bevölkerungsteilen, die seine Integrität bedrohen. Und tagtäglich können wir im Internet den Hass auf jegliche Form von Gleichheit beobachten, der bis zum Überdruss in den Kommentaren der Zeitungsleser und -leserinnen wiederholt wird. Ebenso wenig wie das hartnäckige Leugnen ein Anzeichen von geistiger Beschränktheit ist, sondern eine Variante der herrschenden Rationalität, ist die Hasskultur das Werk benachteiligter sozialer Schichten, sondern ein Resultat der Funktionsweise unserer Institutionen. Sie ist eine Form der Volksbildung, eine Form der Volksschöpfung, die der Logik der Ungleichheit gehorcht. Vor fast 200 Jahren hat Joseph Jacotot, der Vordenker der intellektuellen Emanzipation, gezeigt, wie die Irrationalität der Ungleichheit eine Gesellschaft antreibt, in der jeder Unterlegene sich wiederum einen Unterlegenen suchen kann, um sich an seiner Überlegenheit über ihn zu ergötzen. Vor nur einem Vierteljahrhundert habe ich meinerseits argumentiert, dass die Identifikation der Demokratie mit dem Konsens anstelle des für archaisch erklärten Volkes der sozialen Spaltung ein noch viel archaischeres Volk hervorbringt, das allein auf den Affekten des Hasses und der Ausgrenzung beruht. Statt uns mit Empörung oder Spott zu trösten, sollten uns die Ereignisse, die das Ende der Präsidentschaft Donald Trumps markieren, dazu veranlassen, die Denkweisen, die wir als rational bezeichnen, und die Gemeinschaftsformen, die wir als demokratisch bezeichnen, einer genaueren Prüfung zu unterziehen.

 

- Jacques Rancière (2021)

 

Aus dem Französischen von Martin Born.

 

Der Text wurde uns freundlicherweise vom Autor zur Verfügung gestellt.

 

Von Jacques Rancière ist zuletzt im Passagen Verlag erschienen:

»In welchen Zeiten leben wir? Ein Gespräch mit Éric Hazan.« (2020)

 

 

 
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