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Wittgensteins formatiertes Leben: Christian Denker im Interview [«]

Ihrer Herausgabe des Sammelbandes "Lebensform Wittgenstein" anlässlich des 120. Geburtstages von Ludwig Wittgenstein, ging eine eigene Veranstaltung im Wiener "Haus Wittgenstein" voraus. Hatten die verschiedenen Beiträge ein gemeinsam formuliertes Ziel vor Augen?

Ausgangspunkt der Veranstaltung war eine Idee von Wanda Wessely. Sie wollte Wittgensteins Persönlichkeit mit künstlerischen Mitteln erkunden. Ich war von der Idee begeistert und schlug vor, die Kunstausstellung durch philosophische Beiträge zu ergänzen. Das Thema der Veranstaltung sollte einerseits breiten Raum für die Beschäftigung mit dem Menschen Wittgenstein bieten. Andererseits sollte es pointierte Diskussionen anregen. Wir hatten uns eine Spagatübung zwischen Kunst und Philosophie vorgenommen, die dem breiten Publikum den Zugang zu Wittgenstein erleichtert und dabei den aktuellen akademischen Forschungsstand berücksichtigt. Als gemeinsamen Orientierungspunkt für alle Beiträge haben wir dann schlichtweg den Titel gesetzt: "Lebensform Wittgenstein".

Neben dem "Sprachspiel", stellen Sie Wittgensteins Verständnis des Begriffes "Lebensform" als zentrales Motiv des behandelten Diskurses und als beliebten Ausgangspunkt für Überlegungen fest. Lässt sich diese "Lebensform" als ein soziokulturell beschränkter Raum begreifen, innerhalb dessen jeder Mensch existiert? Wie erklärt sich dieser Begriff?

Das ist sicherlich eine verbreitete Möglichkeit des Umgangs mit Lebensform. Ausgangspunkt für Wittgensteins Ansatz ist sicherlich die enge Kopplung zwischen Sprachspiel und Lebensform. Der Begriff Lebensform hat ja in sehr verschiedenen Sprachspielen eine mehr oder weniger klare Bedeutung. Ich möchte sagen er erscheint in verschiedenen Bereichen, wo er zur Festlegung bestimmter Gruppenzugehörigkeiten dient. In der Biologie lassen sich so die Wirbeltiere von den Wirbellosen trennen, in der Ästhetik die Künstler von den Philosophen, in der Soziologie die Täter und die Opfer, da öffnet sich ein kaum überschaubarer Diskussionsraum. Entsprechend unserer Position in diesem Raum verändert sich die Bedeutung des Begriffs "Sprachspiel" ihrerseits. Gibt es nur eine menschliche Lebensform die verschiedene Sprachspiele entwickelt oder verschiedene menschliche Lebensformen, gekennzeichnet durch verschiedene Sprachspiele? Die Diskussion zwischen Newton Garver und Richard Haller aus den 1980er Jahren hat eine unmittelbare Bedeutung für unser gegenwärtiges Verständnis der Grundlagen von Wittgensteins Überlegungen.   

Der Sammelband "Lebensform Wittgenstein" enthält auch bildliche Annäherungen an Wittgenstein. Wodurch war dieser künstlerische Zugang neben einem Wissenschaftlichen inhaltlich motiviert?

Da gibt es sehr unterschiedliche Motivationen. Das Spektrum der inhaltlichen Annäherungen ist reich. Das ungeschriebene Gesetz, dass Künstler der kompakten Darstellung des Tractatus mit radikaler Abstraktion begegnen müssten, gilt jedenfalls nicht mehr. Die Inhalte sind recht konkret: die Kravatte ohne den Mann bei Helmut Täubl, bei Richard Jurtitsch und Adam Wiener das Elternhaus, das Haus der Schwester bei Tsuneko Taniushi und Peter Hasler, die Hütte in Norwegen bei Wanda Wessely. Einige Bilder stellen auch Fragen zu Sex und Gender, ich denke an die Arbeit von Franz West und an das Bild "Schneewittgenstein" von Adam Wiener. Bemerkenswert ist die ironische Abstandnahme zum "großen" Philosophen, gerade auch in Bezug auf Wittgensteins Schriften bei Stéphane de Medeiros und Maria Bussmann. Abstrakte Bezugnahmen haben selbstverständlich auch ihren Sinn. Ali Al Taiee, erinnert an die Flexibilität linearer Bewegung, bei Stoyan Dobrev erscheint Leere hinter einer kontrastlosen Maske, Eisenmann zeigt das schwache Beine schwere Lasten ertragen können. Es geht darum, unsere Vorstellung der "Lebensform Wittgenstein" zu ergänzen. Besonders eindrucksvoll finde ich "Wittgensteins Space Warp" von Erwin Wurm: Die Anmut der verqueren Haltung Wittgensteins erhält eine plastische Form. Viele Menschen würden bei solchen Biegeübungen zerbrechen.

In Ihrem Beitrag sprechen Sie auch über Wittgensteins Überlegungen zu ästhetischem Urteilen. Aussagen über Ästhetik können hiernach immer nur innerhalb einer Lebensform abgegeben werden, die diese ausschlaggebend prägt. Sind allgemeingültige ästhetische Urteile damit unmöglich gemacht?

Ich halte es mit Kant: es ergibt sich aus unserer eigenen Denkstruktur, dass wir unsere ästhetischen Urteile für zutreffend halten, nicht nur für uns selbst, sondern für alle, die die Welt so sehen wie wir. Wir erwarten die Zustimmung anderer, wohl wissend, dass die bindende Kraft der Logik hier fehlt. Mit Wittgenstein können wir auf sprachliche Erklärungen und hinweisende Gesten hoffen: wer anders urteilt als wir selbst, dem müssen wir unsere Geschmacksurteile erläutern. Verschiedene Positionen können so in Ausgleich kommen oder eben nicht. Daraus ergeben sich dann verbindliche ästhetische Gemeinplätze, etwa: "Mona Lisa lächelt hübsch", die eine ganze Kultur kennzeichnen können. Selbstverständlich verändern sich auch die Gemeinplätze. Es geht ja nicht um ewige Verbindlichkeiten für alle und jeden, sondern eher um Hinweise im Sinne Wittgensteins: der Wegweiser ist in Ordnung solange er uns hilft unser Ziel zu erreichen.

Trotz der immer nur relativ gültigen ästhetischen Urteilsmöglichkeit, meinen Sie auch "beständige Werte" bei Wittgenstein erfassen zu können. Welche sind dies?

Auch wenn die Existenz der ganzen Außenwelt philosophisch fraglich erscheinen kann: Die Sonne erscheint doch wieder am Himmel. Die Ästhetik kennt Revolutionen des Geschmacks, die alles Beständige umzuwerfen scheinen, aber einiges bleibt doch immer beim Alten. Wittgenstein verwendet das Bild vom Fluss und seinem Bett. Ich interpretiere das so: Der Fluss und das Bett verändern sich gemeinsam. Einige Flüsse verlassen ihren Lauf öfter als andere, manche frieren im Winter zu, manche versiegen um anderswo neu zu entspringen. Letztlich gelangt das Wasser doch wieder in das Meer.

Wenn persönliche Beurteilungen nur innerhalb einer Kultur als verbindlich erkannt werden können, lässt sich eine gegenseitige Abhängigkeit zwischen ästhetischem Urteil und Lebensform feststellen. Kann ein solches Kunstverständnis insofern auch ausgrenzend wirken?

Ja, klar, was in der DDR als Kunst gehandelt wurde, dass hatte in der BRD doch gar keinen guten Ruf, und umgekehrt. Hier lässt sich die politische Sprengkraft der Ästhetik leicht erkennen. Bestimmte Personen reagieren auf bestimmte Kunstwerke geradezu hysterisch. Versuche eine Verbindung zwischen ästhetischem Urteil und Lebensform zu diktieren gibt es viele. Die Ausstellung "Entartete Kunst" ist nur eine Spitze des Eisbergs, der viele Kriterien beinhaltet: soziale, familiäre, nationale, religiöse, philosophische, anthropologische....

Sie behandeln auch Wittgensteins Überlegungen zu ästhetischem Urteilen und dessen möglichem Verhältnis zu ethischen Ansprüchen. Erkennt man ästhetische Gültigkeiten insgesamt als relativ, erhitzt sich der potenzielle Konfliktherd um ein vielfaches wenn dieses Verständnis auf ethische Urteile umgelegt wird. Kann Wittgenstein diese Flamme kleinreden oder gießt er Öl ins Feuer?

Wittgenstein versucht das Problem zu umgehen. Seine eigenen ethischen Probleme müssen derart erdrückend gewesen sein, dass er sich selbst kaum orientieren konnte. Wie sollte er da verbindliche ethische Sätze anerkennen? Zwischen seinem Wiener Elternhaus, zwei Weltkriegen und der akademische Elite scheint alles und nichts begründbar zu sein. Aber deshalb nicht alles relativ. Wittgenstein setzt sich doch recht strenge moralische Vorgaben für sein eigenes Leben, er mag sie aber nicht verallgemeinern, das wäre ja auch absurd. Also stellt er als ethisch richtig hin, was in einer gegebenen Denkweise als richtig erscheint. Ich verstehe das als einen Appell an unser eigenes Verantwortungsbewusstsein, eine Anregung zu eigenen Gedanken.

Sie selbst entfachen diese Debatte beispielhaft anhand des "Falls Mühl", einem, unter anderem wegen Unzucht verurteilten, Maler, dessen Potenzial als anzuerkennender Künstler hier thematisiert wird. Haben Sie damit stark provoziert?

Die Diskussionen im Vorfeld der Veranstaltung "Lebensform Wittgenstein" waren schauerlich, sie haben auch zur Absage von Teilnehmern geführt. Vielleicht spielte Provokation eine Rolle, aber vor allem hatten Wanda und ich die Sprengkraft der mit Mühl verbundenen Probleme einfach unterschätzt. In einem Gespräch um Wittgensteins Satz "Ethik und Ästhetik sind Eins" hatte Heidulf Gerngross auf Mühl verwiesen. Philipp Konzett verfügte über zwei Wittgenstein-Bilder, Wanda hat sein Angebot angenommen und ich habe zugestimmt. Maßnahmen zur sozialen Eingliederung von Straftätern stehe ich grundsätzlich positiv gegenüber. Zur Entschuldigung Mühls möchte ich aber nicht beitragen. Der Mann ekelt mich an. Die Ausstellung seiner Bilder im Rahmen von "Lebensform Wittgenstein" halte ich aber nach wie vor für sinnvoll. Sie geben den sexuellen Zwanghaftigkeiten Wittgensteins einen aktuellen Bezug. Was ist erlaubt und was ist verboten? Der junge Wittgenstein bewunderte Otto Weininger und fühlte sich als Feigling, weil er seinem Leben kein Ende setzte, anders als sein Bruder Rudolf. Fragen zu seiner Homosexualität waren dabei bedeutungsvoll. Heute ist sexuelle Freiheit ein fundamentaler Wert unserer Gesellschaft und doch wird sie ständig unterdrückt, bis hin zur Vergewaltigung. Unter Berufung auf sexuelle Selbstbestimmung werden schlimme Verfehlungen gerechtfertigt. Die Opfer der Mühl-Kommune zeichnen düstere Bilder. Mühls eigene Erklärungen machen es noch schlimmer! Der Fall ist Ausdruck der kulturellen Krise einer hierarchiegläubigen Lebensform und leider keine Ausnahme. Die Ausstellung der Mühl-Bilder hat Diskussionen über die Verknüpfung von "Art, Sex & Crime" gefördert, in diesem Sinne habe ich auch meinen eigenen Vortrag gehalten. Mühls Arbeit mag im Zusammenhang mit Wiener Aktionismus eine gewisse Bedeutung haben, aber künstlerisch bevorzuge ich Valie Export und intellektuell Oswald Wiener.

Kurz gefragt nach einem Fazit: Kann also der "Böse" schöne Kunst schaffen?

Böse Menschen können alles Mögliche schaffen, auch schöne Kunst. Die ethische Haltung eines Künstlers kann bei der ästhetischen Bewertung seiner Werke eine Rolle spielen - etwa wenn Schönheit und Bosheit sich befruchten – muss es aber nicht. In Anlehnung an Wittgenstein lässt sich festhalten, dass Sätze wie "Das ist böse!" oder "Das ist schön!" Aspekte in dem komplizierten Netz von Handlungen sind. In der Kunst geht es ja nicht nur um ethisch-ästhetische Werte, sondern um alles Mögliche, auch um Geld.

Weitere Buchinformation über "Lebensform Wittgenstein" finden Sie hier.

 
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