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Haben, haben wollen und wirklich brauchen [«]

Foto: © Barbara Frenz

Andrea Günter bietet mit ihrem aktuell erscheinenden Buch "Platons Politeia. Philosophie. Pluralität. Gerechtigkeit" eine spannende Relektüre von Platons bedeutendstem Werk über Fragen nach Gerechtigkeit. Im Passagen Interview mit Karin Hartmeyer sprach sie über Verlangen, Abhängigkeiten und das Bedürfnis nach Gerechtigkeit.

Platons "Politeia" ist ein Fels in der Brandung im Kanon der politischen Philosophie. Worin begründet sich die scheinbar zeitlose Aktualität ihrer Inhalte?

Die Aktualität von Platons Text liegt in der Grundsätzlichkeit seines Entwurfs. Er hat einen starken Sinn für die Komplexität der Dynamiken, die Gerechtigkeit im Zusammenleben der Menschen erzeugt bis hin zu den Widerständen gegen gerechtes Tun. Dabei hält er die Option hoch, das menschliche Zusammenleben offen zu halten.

Ihr Buch "Platons Politeia. Philosophie. Pluralität. Gerechtigkeit" stellt insofern eine Relektüre von Platons bedeutendster Schrift dar, als Sie die Frage nach Gerechtigkeit in ein aktuelles Licht stellen. Mit welcher Methodologie nähern Sie sich in Ihrer Arbeit dieser Frage?

Ich habe begonnen mich intensiv mit Platons Politeia zu beschäftigen, als ich realisiert hatte, dass es Platon gelingt, die Verschiedenheit der Frauen zu denken, ein Ansatz, den übrigens auch Simone de Beauvoir aufgreifen wird. Nun hat mich zunehmend interessiert, was jemand denken muss und kann, der die Verschiedenheit von Frauen und die Gleichberechtigung der Geschlechter zum "Unglaublichen" der Gerechtigkeit erklärt und außerdem behauptet, dass die Geschlechterfrage mit der Politik und der Philosophie ein gemeinsames Geschick teilt. Im Laufe meiner Auseinandersetzung habe ich dann eine Menge Bezüge zu postmodernen politischen Konzepten gefunden: die Bedeutung des Unterscheidens von gerecht und ungerecht im Unterschied zur Definition und Festlegung dessen, was gerecht ist, verbunden mit einer Politik der Dezentrierung. Mir helfen neuere philosophische Kategorien wie die Dezentrierung, die Genealogie bzw. die Reaktualisierung von Konzepten wie das Unterscheiden/die différance, um im Text neue Aspekte wahrzunehmen und zusammenzufügen. Außerdem gibt es Verbindungen zu Hannah Arendts Ausführungen über "Pluralität" und Gebürtigkeit. Der hermeneutische Zirkel zwischen einem "alten" und einem "neuen" Denken eröffnet neue Lesarten des alten, aber auch Vertiefungen des neuen.

Als zentrale Charakterelemente unserer Gesellschaft erkennen Sie zunehmenden Individualismus, Machtlust und Gier. "Selbstbezogenheit scheint der Selbstausdruck des Subjekts in der Postmoderne" schreiben Sie und legen damit den Finger an einen wunden Punkt jeder kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Ist unser Bedürfnis nach Besitz ein ewig vorhandenes und erstarrtes oder steigt dieses Bedürfnis tatsächlich noch an?

Dass Menschen ewiges Wachstum und die Mehrung von Besitz anstreben, diese Idee hat mit einer bestimmten Interpretation des Begehrens zu tun: Menschen begehrten aus einem Mangel heraus. Platon zeigt, dass es aber noch eine andere Herkunft des Begehrens gibt, eine, die vom Haben ausgeht und sich in der Suche des Habenden (!) nach Gerechtigkeit zeigt. Begehren ist also nicht Begehren. Das Begehren der Seele nach Gerechtigkeit konturiert ein Begehren, das schon hat und mehr als das Haben haben will. Voraussetzung dafür ist die Anerkennung notwendiger Abhängigkeiten, aber gerade auch die Freude an den anderen, so dass Fremdes und Eigenes neu gemischt werden. Das Verrückte ist ja, dass der Text mit der Feier der Einführung einer neuen Göttin beginnt und mit der Rede der Göttin der Notwendigkeit, Innen und Außen zu verbinden, endet. Wer schon nimmt genau diesen Rahmen ernst? Platon charakterisiert das Göttliche dabei unter anderem als Darstellungs- und Vorstellungsweise, Religiöses ist als verändernde Kraft in einem guten, nämlich öffnenden Sinne vorgestellt, als Alternative zu vermeintlicher Offensichtlichkeit und Verzweckung.

Unser Verlangen nach Gütern in jeder Form konstatieren Sie nicht als Reaktion auf einen ökonomischen Mangel, sondern als Begehren in Anbetracht des bereits existenten Habens. Was sagt dies über unser Selbstverständnis aus?

Meinen Sie das Verlangen nach Gütern oder das nach Besitztümern? Wenn es um die Mehrung der Güter, genauer um ihr sinnvolles Zirkulieren geht, ist ein genealogisches Selbstverständnis nötig: eines, das sich aus der Mitte der Zeiten und Beziehungen insbesondere der Generationen her zu definieren vermag. Ein Besitz ist ein Gut, insofern das, was er an Gutem besagt, so tradiert wird, dass weiteres Gutes bewirkt wird, brachte der Platonübersetzer und Philosoph Friedrich Schleiermacher dies auf den Punkt…
Schleiermacher hatte schon klar erkannt, dass Platons Güterethik eine Alternative zu einer deontologischen, aber auch teleologischen Ethik darstellt – und eine nicht-individualisierte Tugendethik zu denken erlaubt. Es geht also auch um unser Selbstverständnis als ein moralisches Subjekt, das durch mehr als durch Moral oder das Gesetz/die Gesetze bestimmt sein will…

Bedeutet ein bewusster Verzicht und der Kampf gegen dieses Begehren für uns somit immer eine qualitative Einschränkung? Sie selbst bringen diese Frage am Anfang Ihres Buches so auf den Punkt: "Was ist letztlich Freiheit inmitten der conditio des Begehrens?"

Das Begehren muss nicht bekämpft werden. Es geht  nicht um Askese, Keuschheit, Verzicht. Im Gegenteil, das Begehren lässt sich, will sich qualifizieren! Platon definiert "frei sein" als das Wollen des Begehrens danach, nicht getrieben zu sein. Statt der Lösung von Bindungen also: Es gibt das Begehren als ein freies Sich-Binden innerhalb von Bindungsgefügen! Das ist eine, wohl die politische menschliche Fähigkeit.

Auf der Suche nach Antworten auf Fragen nach Gerechtigkeit entlarven Sie die Möglichkeit einer klaren Trennung von Politik und Ökonomie als Illusion. In welcher Weise sind gegenseitige Implikationen von Politik und Ökonomie ausschlaggebend, wenn es darum geht Gerechtigkeit zu konzeptuieren?

Die Gütergerechtigkeit ist als genealogisches Gefüge ein dynamisches Modell zwischen Politik und Ökonomie. Die Politiker etwa sind als Wissende und Gesetzgebende ebenso Habende wie die Besitzer von materiellen Dingen. Und ökonomisch Agierende machen die Gesetze ihres Handelns, regieren also. Platon zeigt, dass Ökonomie und Politik gleichermaßen und gleichzeitig aus dem Begehren erwachsen und Gerechtigkeit das Scharnier zwischen beiden ist, das menschlichem Tun erwächst und hierbei ihr menschliches Maß bilden muss.

Als große Unbekannte drängt sich bei der Frage nach Gerechtigkeit immer wieder ein so genanntes "zwischenmenschliches Relativum" auf und erweist sich als Sand im Getriebe der Ordnung. Worin besteht diese Problematik?

Wer Gerechtigkeit als etwas absolut Bestimmbares praktizieren will, hat schon verspielt, ist ungerecht. Wir können gerechter und weniger ungerecht sein, als eine eindeutige Tat gibt es das Gerechte jedoch nicht. Wer außerdem andere Kriterien heranzieht, auch wenn er es in der Absicht tut, gerecht zu sein, etwa Gleichheit, bildet eine andere Einheit als die, die Gerechtigkeit bildet. Platon stellt beispielsweise in den Raum, dass man einen Sinn dafür entwickeln muss, was es heißt, eine Einheit zu bilden, um einen Sinn für Gerechtigkeit als spezifische Einheit entwickeln zu können. Mit unbestimmten Größen umgehen zu können wird zur ausschlaggebenden Qualifikation dafür, gerechtere Vorstellungen in Realität zu verwandeln.

In Ihrem Buch sagen Sie "Um sich an Gerechtigkeit orientieren zu können muss ein Philosophisches des Politischen entwickelt werden" und plädieren für eine postmoderne Rekonstruktion der Metaphysik. In welcher Weise verändert sich bei diesem Zugang das Verständnis für Gerechtigkeit?

Hannah Arendt hat mich auf diese Idee gebracht. Wenn Metaphysik die Kunst der Menschen ist, Zusammenhänge zu stiften, dann ist Gerechtigkeit die menschliche Art und Weise, den menschlichen Zusammenhang des Zusammenlebens der Menschen an der Schnittstelle von Ökonomie und Politik so zu bilden, dass das Zusammenleben gleichermaßen stabil und dynamisch bleibt. Das heißt, das Verständnis der Gerechtigkeit verändert sich zusammen mit dem Verständnis der Metaphysik. Ich finde statt eines hierarchisierenden Ursprungs-Abstammungs- und Idee-Ableitungs-Denkens bei Platon einen Entwurf, den ich genealogische Dezentrierung nenne. Platon beschreibt, wie sich durch das Begehren der Seele nach Gerechtigkeit die Pole – Haben und Regieren – dezentrieren, um Neues herauszubilden. Platon definiert keine Bereiche, sondern Menschengruppen entlang von Tätigkeiten. Tätigkeiten zu unterscheiden, um ihr Zusammenwirken zu bedenken, das wird Arendt in ihrer Vita activa später aufgreifen und konsequenter als Platon durchführen. Bei Platon findet man hingegen die politischen Dynamiken und Voraussetzungen des Bewusstseins genauer beschrieben, denen das Gemeinsame ausgesetzt ist, wenn mehr oder weniger gerecht gehandelt wird.

Zur ausführlichen Passagen Website Buchinformation.

 
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