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[Interview]: Pluralität und Gerechtigkeit - Andrea Günter über ihr neues Buch [«]

Im Interview erläutert Andrea Günter Schlüsselbegriffe ihres im Frühjahr im Passagen Verlag erschienenen Buches Konzepte der Ethik - Konzepte der Geschlechtergerechtigkeit und bringt u. a. mit Bezug auf Platon und Derrida ihre zentralen Thesen auf den Punkt. Das Interview führte Boris Kränzel.

Im Frühjahr ist Ihr Buch Konzepte der Ethik – Konzepte der Geschlechterverhältnisse im Passagen Verlag erschienen. Darin nehmen Sie – der Titel lässt es bereits anklingen – einen Abgleich traditioneller Ethikkonzepte mit Ansätzen zur Geschlechterproblematik vor. Worin besteht hierbei Ihre Ausgangsüberlegung und welche Thesen stehen im Mittelpunkt?

Der Impuls zu dieser Perspektive entspringt meiner Auseinandersetzung mit Platons Politeia und Aristoteles Politik. In den beiden Ansätzen wird die Geschlechterfrage entgegengesetzt behandelt. Während Aristoteles einen Geschlechterdualismus etabliert, um die Hierarchisierung von Lebensbereichen und menschlichen Gruppen zusammen mit Vernünftigkeit und Tugendhaftigkeit zu legitimieren, entwickelt Platon ein an Gerechtigkeit orientiertes Geschlechterverhältnis – Frauen können genauso gut einen Staat führen etc. wie Männer. Da solche Vorstellungen etablierte Geschlechterbilder irritieren, sind sie mit der Herausforderung konfrontiert, Möglichkeiten zu entwickeln, wie gerechtere Einsichten in Kontexte hineingewirkt werden können. Mein Buch verfolgt vor diesem Hintergrund zwei Denkrichtungen: zum einen anhand der aristotelischen Geschlechtermetaphysik die Metaphysik des ethisch Objektiven zu rekonstruieren und zum anderen Platons Gerechtigkeitskonzept hervorzuheben und es in seiner Komplexität und Veränderungsperspektive für Geschlechterfragen fruchtbar zu machen.

2010 erschien im Passagen Verlag Ihr Buch Platons Politeia. Auch in Ihrem neuen Buch setzen Sie sich also mit Platon auseinander und stellen ihn überraschenderweise als Theoretiker der Geschlechtergerechtigkeit vor. Welche Anknüpfungspunkte bietet Platons Gerechtigkeitskonzept für die Geschlechterthematik und an welchen Stellen bedarf es einer Revision?

Hierfür gibt es mehrere Anknüpfungspunkte. Einmal Platons eigene Hervorhebung, dass das, was er über eine gerechte Konzeption der Geschlechterverhältnisse sagt, unglaublich ist und zu weiterem Unglaublichem führt. Das führt sogar soweit, dass eine eigene Erkenntnistheorie des Gerechten herausgeschält werden muss. Platon setzt hierzu mit einer systematischen Dekonstruktion von "Natur"-Argumentationen an, Simone de Beauvoir hat diese übrigens beinahe eins zu eins von ihm übernommen. Die Verbindung zum Paradigma Gerechtigkeit ist dadurch gegeben, dass Gerechtigkeit für Platon die Kulturleistung ist, durch die (vermeintlich natürliche) Stärke-Schwäche-Ungleichheiten zwischen Menschen überwunden werden. Und der Stärke-Schwäche-Dualismus scheint auch schon zu seiner Zeit mit den Geschlechtern verbunden worden zu sein, denn Platon kommt in diesem Argumentationsschritt unmittelbar auf die Geschlechterbilder zu sprechen. So bietet Platons Gerechtigkeitskonzept die Möglichkeit, eine solche Zuschreibung als Ideologie zu entlarven, entsprechende Verhältnisse aufgrund des menschlichen Begehrens nach Gerechtigkeit zu dezentrieren und auf diese Weise zu gerechteren Vorstellungen zu kommen. Mein Fokus liegt also nicht auf einer Revision von Platons Konzept. Vielmehr nutze ich einige Aspekte, um konkrete ethische Fragestellungen durchzuarbeiten. Zum Beispiel bietet Platon eine Methodologie, die eine Minimalethik zu Frauenbildern zu entwickeln erlaubt. Sein Ansatz beschränkt sich nämlich nicht auf die Kritik von Bilderinhalten, sondern lässt den Zusammenhang von unterschiedlichen Verfassungen der Rezeption und dem jeweiligen Repräsentanzanspruch bewerten. Dies lässt sich gut mit Erkenntnissen der Frauenbilderkritik verknüpfen.

Die klassischen Moralphilosophien treten mit dem Anspruch auf, allgemeingültige, vom Geschlecht der Moralsubjekte unabhängige normative Entwürfe vorzulegen. Warum bedarf es Ihrer Ansicht nach im Bereich der praktischen Philosophie einer Ergänzung durch Geschlechterkonzepte?

Nun, die Allgemeingültigkeit, Vernünftigkeit etc. dieser Entwürfe wird ja schon immer kritisiert, auch hierfür steht Platons Politeia. Meine Analyse der Verknüpfung des Vernünftigen und Ethischen mit dem Geschlechterdualismus bei Aristoteles führt mich dabei zu der speziellen Kritik, dass der Geschlechterdualismus die erste und heimliche metaphysische Grundlage derartiger Ethikkonzeptionen darstellt. Diese Metaphysik muss überwunden werden, und das kann und muss entlang von De- und Rekonstruktionen des Geschlechterdualismus geschehen.

Nicht nur in einem Geschlechterkontext, sondern für das Ethische im Allgemeinen stehen für Sie die Konzepte Gerechtigkeit und Pluralität im Zentrum. Wie greifen beide Begriffe ineinander und welche Vorteile ergeben sich daraus gegenüber anderen Konzeptionen des Ethischen?

Gerechtigkeit qualifiziert menschliche Verhältnisse, also ein Gefüge, in dem mehrere Personen in unterschiedlichen Positionen beteiligt sind. Damit ist die Pluralität, also die Verschiedenheit der Menschen, der logische Ausgangspunkt dafür, dass Verhältnisse gerechter werden (können). Platon hat dies deutlich akzentuiert, wenn er Thrasymachos Individuum-zentrische Sichtweise als unzureichende Bedingung für das Denken von gerechten Verhältnissen entlarvt. Zudem verdeutlicht er, inwiefern ethisches Denken von einem vielschichtigen zwischenmenschlichen Beziehungsgefüge ausgehen muss, um tatsächlich Gerechteres, also besseres menschliches Relationales zu denken. Der Vorteil, der dadurch entsteht, ist, dass man Ethisches erst gar nicht von einem Individuum ausgehend konzipiert. Denn dies führt zu Ego-zentrischen Definitionen des Ethischen, die dann erst einmal dezentriert werden müssen, das Relationale erst wieder herausgearbeitet werden muss.

Im Speziellen zielen Sie darauf ab, den "Geschlechterdiskurs als explizit ethischen Diskurs" zu begreifen. Sowohl von klassischen feministischen Theorien als auch Gender- und Queer-Ansätzen ist die Geschlechterproblematik von jeher mit kritischem Fokus auf soziale und politische Legitimitätsansprüche und das heißt im Rahmen praktischen Philosophierens behandelt worden. Was macht die besondere Stoßrichtung Ihres Ansatzes aus?

Den Geschlechterdiskurs als explizit ethischen Diskurs begreifen - damit ist gemeint, die Geschlechterfragen nicht entlang von göttlicher Ordnung, Natur, "neutral-objektiver" Vernunft oder neuerdings vom gesellschaftlich Konstruierten und Konstruierendem zu entwickeln, sondern entlang vom Ethischen selbst, beispielsweise und vor allem von der menschlichen Leidenschaft für Gerechtigkeit. Die menschliche Leidenschaft für Gerechtigkeit ist eine Kraft im Zusammenleben der Menschen. Von dieser Kraft her entstehen und vergehen Verhältnisse. Sie ist ein Ursprung des Menschlichen, der nicht Determiniertes hervorhebt oder Gewordenes kritisiert, sondern zukunftsgerichtet Veränderung, nämlich gerechtere Verhältnisse erstrebt. So habe ich in meinen Ausführungen den Unterschied ausgearbeitet, statt Gerechtigkeit von Gleichheit/Differenz herzuleiten, Gleichheit/Differenz unter das Regime der Gerechtigkeit zu stellen.

Sie begreifen den Menschen als ethisches Lebewesen und sprechen in diesem Zusammenhang auch von einer "Anthropologie des Moralischen". Dabei ist es Ihnen ein Anliegen, die Eigenständigkeit des Ethischen zu bewahren und es nicht an Kategorien wie "die Natur", "den Willen Gottes" oder "die Vernunft" zurückzubinden. Wie verhält es sich aber mit der Begründung moralischer Ansprüche, wenn solche Kategorien ausgespart bleiben sollen?

Wenn die Natur, Gottes Wille oder die Vernunft das Ethische definieren, dann braucht es Menschen als ethische Subjekte nicht. Wenn ethisches Erkennen und Denken Menschen nicht nur passiv zukommt, sondern aktiv, dann handelt es sich um einen eigenen Ursprung menschlichen Erkennens und Denkens mit einer eigenen Epistemologie. Dann ist man bei der Frage, wie sich aus dem Ethischen der Menschen selbst moralische Ansprüche begründen lassen und welcher Metaphysik solche Begründungen folgen.

In einem Kapitel nehmen Sie Bezug auf Derrida und die Dekonstruktion und machen sich stark für Pluralität in Philosophie und Ethik. Weist die Dekonstruktion Ihres Erachtens eine wesentlich ethische Komponente auf und inwiefern eignet sie sich, um einen Diskurs zu etablieren, der um Gerechtigkeit als sein Zentrum kreist?

Von Platon lernt man: Die Voraussetzung für gerechteres Tun ist, dass Menschen bereit sind, ihre Position zu dezentrieren. Eingespielte Positionen zu dekonstruieren ist ein erster Schritt der Arbeit des Dezentrierens. Im Horizont der Gerechtigkeit mündet das Dekonstruieren jedoch in keiner unendlichen Analyse. Der Horizont Gerechtigkeit bietet hingegen dem Rekonstruieren eine Ausrichtung an, ein "Zentrum", das nicht eines ist: das gerechtere Verhältnis. Derrida spricht ja auch selbst wiederholt von Gerechtigkeit und führt an, dass diese dazu anleitet, das (gewordene) Recht nicht absolut zu setzen, sondern sich an die Zukunft zu binden, weil Gerechtigkeit aus der Zukunft kommt.

Gegen Kant machen Sie sich für eine plurale Vernunft stark, sprechen sich aber gleichzeitig mit Bezug auf Platon für Gerechtigkeit im Singular und eine Perspektive auf das eine Gute aus. Worin besteht Ihrer Ansicht nach die Vermittlung dieser Positionen?

Ob die "plurale Vernunft" mit oder gegen Kant ist, hängt davon ab, wie man ihn liest. Was Sie mit "Gerechtigkeit im Singular" und "das eine Gute" ansprechen wollen, ist mir unklar. Gerechtigkeit ist kein Ding, das man zählen kann, wir bilden ja auch grammatikalisch keinen Plural "Gerechtigkeiten". Das gleiche gilt für das Gute. Beide benennen etwas nicht Zählbares, nämlich Qualitäten, Medialität, eine Ausrichtungsmöglichkeit, sie verweisen auf die Möglichkeit der speziellen Qualifizierung zwischenmenschlicher Beziehungen. Der Plural ist damit in den möglichen Qualifizierungsprozessen und der Vielheit der menschlichen Verhältnisse, die als gerechter gelten können, anzusiedeln.

Vielen Dank für das Gespräch!

 
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