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"Freunde genießen es, die selben Aversionen zu haben." [«]

"Überleben in Freundschaft"von Michael Baum ist soeben im Passagen Verlag erschienen. Im Interview mit Carina Sattlberger sprach er über sein persönliches Thomas-Bernhard-Erlebnis und über Freundschaft, die sich verändern aber auch enden darf.

In Ihrem Buch "Überleben in Freundschaft" beschäftigen Sie sich mit Freundschaft und ihren Widersprüchen. Woher kam die Motivation zu einer tiefergehenden Auseinandersetzung mit diesem Thema?

Die Wurzeln reichen, denke ich, recht tief – vielleicht bis hinein in die kindlichen Enid-Blyton und Erich-Kästner-Lektüren. Dass die Kinder, von denen da erzählt wird, füreinander da sind, im Grunde vorbehaltlos, das hat mich sehr berührt und aus bestimmten Gründen nicht mehr losgelassen, auch wenn später, in der Jugend, nach außen immer auf „cool“ getan wurde. (Ich spreche von den Achtzigerjahren.) In der Zeit des Studiums habe ich zunächst viel Sprachwissenschaft getrieben, bin durch die Gebiete des Strukturalismus gewandert und beließ es bei einigen literatur- und geschichtswissenschaftlichen Grundstudien. Aber plötzlich, in einer durchschwitzten türkischen Nacht, hatte ich mein Thomas-Bernhard-Erlebnis. Wie so viele gab ich nicht Ruhe, bis ich buchstäblich alles von Bernhard gelesen hatte und von da an rumorten die Figuren und Fügungen seiner Texte in mir herum. – Die Literaturwissenschaft an meiner Universität war konservativ. Wir schauten zwar vom Seminarraum aus in Richtung Philosophenweg, haben aber am Orte Gadamers noch nicht einmal Hermeneutik diskutiert. Das war wohl schon zu liberal. In der Bibliothek standen, inklusive Forschungsliteratur, geschätzte zwanzig Meter Ernst Jünger; von Thomas Bernhard nur die Hauptwerke und von Jacques Derrida und den so genannten "Neuen Literaturtheorien" nichts. Irgendwo zwischen Bewusstem und Unbewusstem, Gedächtnis und Gegenwart begannen dann vielleicht Verbindungen zu entstehen; zwischen der Erinnerung an die kindlichen Lektüren, den Zweifeln am akademischen System, den Hoffnungen auf Dekonstruktion und der ästhetischen Erfahrung Marke Bernhard.

Als Textgrundlage haben Sie mit Jacques Derridas "Politiques de l'amitié" und Thomas Bernhards "Wittgensteins Neffe" einen philosophischen und einen literarischen Zugang zur Freundschaft gewählt. Inwiefern können diese verschiedenen Zugänge miteinander in Verbindung gebracht werden?

Bernhard und Derrida tun, so scheint es, unterschiedliche Dinge. Der Schriftsteller entwirft eine poetische Biographie. Der Philosoph liest die kanonischen Texte Europas zum Thema Freundschaft und bringt ihre metaphysischen Sedimente zum Vorschein. Doch in diesem Punkt liegt bereits eine interessante Affinität: Die Studien Derridas und die Freundschaftserzählungen Bernhards lassen sich von der Wärme und den Sehnsüchten, die dieses alte Wort Freundschaft mit sich trägt, faszinieren. Aber sie sind zugleich nicht mehr bereit, dies in einen metaphysischen Diskurs münden zu lassen. Beide betrachten die Freundschaft von der Differenz her. Sie sind Freunde der Freundschaft, denken diese aber nicht als Essenz, sondern als Bewegung in der Zeit. Es ist interessant, dass es Bernhard ist, der Schrift und Überleben mit Freundschaft in Verbindung bringt – als ob er Derrida literarisch weiter entwickelte. Es gibt so viele überlebende Freunde in Bernhards Werk, die sich schreibend oder Nachlässe sichtend mit dem Leben des Freundes beschäftigen und diesen nach dessen Tod so neu entstehen lassen. In "Wittgensteins Neffe" reflektiert sich der "Erzähler" als Schreiber und stellt so die Illusionen, die realistisches Schreiben entwickelt, in Frage. Diese eingestandene und zugleich poetisch durchformte Nachträglichkeit ist, wie bekannt ist, wiederum ein Thema der Dekonstruktion. Umgekehrt lassen sich zahlreiche Analysen Derridas wie philosophische Kommentare zum Werk Bernhards auffassen. Man lese nur einmal jene Passagen in "Politik der Freundschaft", in denen Derrida zeigt, dass die Wahrheit der Freundschaft nur in einem gemeinsamen Verrücktwerden der Freunde bestehen kann und halte diese neben manche "Schilderungen" aus "Wittgensteins Neffe". Ich bin mir bewusst, dass ich Derridas Studien in gewisser Weise entkontextualisiere, denn er gewinnt seine Befunde durch das Studium philosophischer Texte, die keine direkte Beziehung zu Bernhard haben, aber die reizvollen Konstellationen, die entstehen, wenn man die Werke ins Gegenlicht stellt, waren es mir wert. Ich verstehe meine Arbeit denn auch als Essay. 

Im Buch ist des Öfteren von einer "Sprache der Freundschaft" die Rede. Wie zeichnet sich eine solche Sprache aus?

Hier muss man unterscheiden zwischen der Freundschaft in ihrer sozialen und psychologischen Wirklichkeit auf der einen und dem Schreiben über die Freundschaft auf der anderen Seite. Es gibt zwischen Menschen, die einander schätzen (aus Gründen, die bereits so kompliziert sind, dass sie sich womöglich der Verbalisierung entziehen – wer verstände schon seine eigenen Empfindungen?), eine Art Tabu, nämlich gerade darüber nicht zu sprechen. Das gilt für Freunde vielleicht noch mehr als für Liebespaare. Es sind sehr wenige Momente, verstreut über eine lange Zeit, in denen Freunde über ihre Freundschaft reden. Sie reden viel lieber über anderes, das aber häufig, mit Intensität, Tempo und Genuss. Gelebte Freundschaft ist performativ. Wenn über Freundschaft geschrieben wird, liegt eine andere Konstellation vor. Es ist mehr Distanz im Spiel und dieses Spiel ist monologisch, auch wenn die Stimme des Anderen in mir mitspricht. Der Schreibende kommt kaum umhin, das zu tun, was der „empirische Freund“ so gut wie nie tut: die Eigenart der Freundschaft explizit schildern, sei es in Form des Beispiels, der Episode, sei es in Form der zusammenfassenden, bündigen Charaktersierung. Allerdings kann Freundschaft in einem strengen und nüchternen Sinne nicht beschrieben werden. Das Performative kehrt zurück und bildet Metaphern, Hyperbeln, Wiederholungen, Rhythmisierungen und so fort. Am Ende ergibt sich ein höchst differentielles Gebilde, in welchem gerade die Fugen zwischen den Textschichten die Wahrheit enthalten.

Inwiefern ist Schriftlichkeit für die im Buch beschriebenen Freundschaften relevant? Inwiefern für Freundschaft im Allgemeinen?

In der erzählten Welt des Wittgenstein-Buches gibt es keine schriftliche Kommunikation zwischen Freunden. Doch Bernhard wählt die radikale Lösung. Er verabschiedet das orale Modell der Mitteilung ("Erzählung") und weist die gesamte Geschichte als Notat aus. Das Ich des Textes ist ein Schreiber, der den Freund in der Schriftsprache entstehen lässt. Der gesamte Text ist ein differenzielles Gebilde aus Vergegenwärtigung und Nachträglichkeit. Rhetorizität und Plastizität der literarischen Memoria sind ineinander verwoben. Was die allgemeine Seite der Sache angeht, unabhängig von den speziellen Konfigurationen Bernhard-Derrida und außerhalb der Medien Literatur und Philosophie: Es könnte sein, dass mit der Aufhebung regionaler Bindungen, mit dem weiträumig Werden unserer Existenz auf der einen und der Vervielfältigung der Kommunikationsmedien auf der anderen Seite – ist Skype ein Freund oder ein Feind der Freundschaft? – die Bedeutung der schriftlichen Kommunikation unter Freunden zunimmt, obwohl es etwa den Brief als Reflexionsmedium der Freundschaft schon länger gibt. Aber ich muss auch gestehen, dass ich auf diesem Gebiete kein "Experte" bin. Ich habe keine kommunikationswissenschaftlichen, soziologischen oder sonstige Studien dazu betrieben, sondern versucht, die Verbindung zwischen Bernhard und Derrida am Beispiel des Themas Freundschaft – textorientiert! – zu zeigen.

Kann man sich durch das Niederschreiben von Erinnerungen der Endlichkeit einer Freundschaft entledigen? Wird durch diese Verschriftlichung eine Freundschaft weitergelebt und somit auch ihr Ende überlebt und welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Verwendung von Stilmitteln, wie etwa der Hyperbel?

Das Wort "entledigen" ist mir in diesem Zusammenhang zu stark und es bezeichnet einen Vorgang, der sozusagen nicht im Interesse der Freundschaft ist. Ohne Endlichkeit keine Freundschaft. Die Unendlichkeit des Lebens fällt mit dem Verlust der Freundschaft zusammen. Insofern hebt das Schreiben nicht die Endlichkeit auf, sondern es reflektiert diese. Aber der Verlust des Freundes ist nicht rückgängig zu machen. Auch Augustinus bekennt dies in den "Confessiones". Das Schreiben mag so etwas sein wie ein Akt der Treue zum Freund, auch nach dessen Tod. In diesem Schreiben und den damit verbundenen Gefühlen und Gedanken lebt die Freundschaft weiter, allerdings ist das Selbstgespräch an die Stelle des Dialogs getreten. Die damit verbundene Transformation der Freundschaft in eine neue Ordnung bringt einen Prozess der Verschiebungen, Symbolisierungen und Ersetzungen in Gang, der die Freundschaft überleben lässt. Dieses Überleben ist gespalten zwischen den Bildern der Präsenz des Freundes im Bewusstsein und der nachgetragenen Liebe, welche sich eines Mediums, der Schrift, bedient, das die Illusion der Gegenwart schafft und doch zugleich nur funktionieren kann, weil diese Gegenwart ein für alle Mal beendet ist. Die Hyperbel ist vielleicht eine Figur der Überlebensschuld, wie Primo Levi sagen würde. Jetzt, da der Freund gegangen ist, wird er größer und größer in mir; er übersteigt die Grenzen meiner "Subjektivität".

In Ihrem Buch stellen Sie verschiedene Definitionen von "Freundschaft" dar. Worin liegt für Sie persönlich die Essenz einer innigen Freundschaft? 

Da ich in meinem Buch versucht habe, eine nicht essenzialistische Beschreibung der Freundschaft zu geben, kann ich aus dem, was ich geschrieben habe, nicht die Antwort auf Ihre Frage ableiten, sondern muss tatsächlich den Raum der Erfahrung, so dunkel er gelegentlich ist, betreten. Ferner nehme ich mir die Freiheit ex negativo zu antworten: Freunde genießen es, die selben Aversionen zu haben.

Zur ausführlichen Passagen Website Buchinformation 

 
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