RECHERCHE RAPIDE | LOGIN |
DE|EN|FR
Der Verlag
Startseite
Der Verlag
Autoren
Reihen
Derrida
Bücher
Zeitschriften
Non-print
Shop
Vertrieb
Presse
Newsletter
Kontakt
Angebote
Suche
Sitemap
Datenschutzerklärung
 
 
PassagenFriends
In eigener Sache | Positionierung | Passagen Ehrungen | Neuerscheinungen
Herbst 2020

Im Corona-Jahr 2020 ist alles außergewöhnlich, auch unsere Verlagsarbeit. Dieses Herbstprogramm entsteht im Lockdown dieses Frühjahrs 2020 für eine Zeit danach, von der wir einiges ahnen, aber nichts wissen. Noch ist es die Zeit der Virologen und Epidemiologen, aber es zeichnet sich ab, dass sie in dem Maße zu Ende geht, wie die gesellschaftlichen Folgen des Social Distancing zur Eindämmung der Pandemie nicht nur vorhergesagt, sondern manifest werden. Mehr und mehr melden sich auch Wirtschaftsforscher, Soziologen, Psychologen, Pädagogen und viele andere Forscher und Analytiker zu Wort, um die Folgen für ihr Fachgebiet zu untersuchen und Schlüsse aus der Pandemie, ihrer Entstehung und ihrem Verlauf zu ziehen. Die erwartbaren Schnellschlüsse der beliebten Welterklärer, die eh immer schon alles wussten, haben Sie sicher schon zur Kenntnis genommen. Manche unserer Autoren, die wir um ihre Einschätzung gebeten haben, waren und sind jedoch eher zurückhaltend und wünschen noch Zeit, um eine solide Analyse abliefern zu können. Aber auch wir und unsere Autoren haben längst begonnen, uns mit den wirtschaftlichen, sozialen, politischen kulturellen Folgen der Pandemie zu beschäftigen.

Eine für uns in Europa wichtige Folge ist, dass die Pandemie die Schwächen und hässlichen Seiten Europas sichtbarer macht als je zuvor. Allen EU-Phrasen der Berufseuropäer und ihrer Akklamateure zum Trotz gehen die mühsam errungenen Fortschritte in der Europäischen Annäherung nun mehr und mehr verloren. Selbst der Gutwilligste kann und will nicht mehr verstehen, warum den autoritären Ländern in der EU nicht Einhalt geboten und stattdessen die Kontaminierung der Demokratien riskiert wird. Die osteuropäischen EU-Länder steuern immer unverblümter in Richtung autoritärer Herrschaft. Ein willfähriges Parlament verabschiedet in Ungarn unter dem Vorwand der Pandemiebekämpfung ein Ermächtigungsgesetz für Victor Orban, wie es das in Europa seit den Diktaturen nicht mehr gegeben hat, und zwar, ohne dass eine nennenswerte Reaktion der EU-Präsidentin erfolgt. Ein Schelm, wer daran denkt, dass sie ihren Posten mit Hilfe Orbans erlangen konnte.

Aber auch der schamlos manipulativ eingesetzte Appell an die europäische Solidarität, der nur die alte Politik kaschieren soll, die protestantischen Nordländer für die eigene Misswirtschaft zur Kasse zu bitten, wird unerträglich und entfaltet seine zerstörerischen Wirkung durch das Aufkommen nationalistischer, rechtsextremer Parteien in den Kernländern der Demokratie.

Dieses Verhalten ist umso abstoßender, wenn man an die wirklich Armen unserer globalisierten Welt denkt, die in Wahrheit die geforderte Umverteilung brauchen. Ausgerechnet ein CDU-Minister muß diesen Aspekt in Erinnerung rufen, wenn er 500 Milliarden für die Armen in Afrika und Asien fordert, statt noch 500 Milliarden und nochmal 500 Milliarden in Länder zu transferieren, die Ihr Gesundheitssystem selbst zerstört haben und eine unverantwortliche Wirtschaftspolitik betreiben.

Es bleibt nur die Hoffnung, dass die Menschen in Europa nicht zulassen, daß diese Tendenzen die Oberhand behalten. Zu befürchten ist jedoch, dass die sogenannte Einheit Europas genauso wie vor der Corona-Pandemie mit faulen Kompromissen kurzfristig erhalten wird, aber langfristig zerstört wird. Der Brexit war vermutlich nur der erste Schritt, wenn die Europäer sich nicht besinnen und Europa vom ideologischen Ballast befreien und Europa zunächst einmal als vernünftige Zusammenarbeit im Interesse Aller entwickeln.

Für unseren Autor Alain Badiou bleiben all diese Überlegungen in der Realität unseres kapitalistischen Gesellschaftssystems stecken und führen deshalb nicht weiter. Sein Vorschlag zur Verbesserung der Zustände ist seit langem die Forderung nach einer kommunistischen Gesellschaft, und zwar ungeachtet der historischen Erfahrungen, die wir mit den Versuchen zu seiner Einführung seit der russischen Oktoberrevolution gemacht haben.

Hat die gegenwärtige Corona-Pandemie etwas an seiner Haltung geändert, führt er neue Argumente für seine Forderung ins Feld?

Auskunft gibt das neueste Buch von Alain Badiou. Auf der Grundlage eines Textes, in dem er zur Corona-Krise Stellung genommen hat, führe ich mit unserem Autor Alain Badiou ein Gespräch über die aktuelle Situation und über die Frage, inwiefern ein neuer Kommunismus, wie er ihn sich vorstellt, aus dieser Krise heraus und in eine neue politische Zukunft führen könnte. Nach Corona. Gedanken zu einer Politik der Zukunft ist das hochaktuelle Ergebnis dieses philosophischen Gesprächs und unser erster Beitrag zu einer grundsätzlichen Untersuchung und Einschätzung der Pandemie, jenseits des übereilten Mediengeplauders, das uns umrauscht.

----------

Wenn wir über Europa hinausblicken, zeige sich in der Corona-Krise die sozialen Unterschiede und die wachsende Ungleichheit, die der globalisierte Kapitalismus hervorbringt, in bisher ungekannter Schärfe. Man braucht nur die prekäre Lage in den europäischen Flüchtlingslagern zu betrachten, mit ihren katastrophalen Hygienebedingungen und ihrem akuten Mangel an medizinischer Versorgung, oder die Not in den Ländern des globalen Südens, wo es kaum Mechanismen zur sozialen Absicherung gibt. Es genügt aber schon ein Blick in die USA, das reichste Land dieses Planeten. Gerade die Situation der Afroamerikaner in den US-amerikanischen Metropolen belegt, wie groß das Ausmaß der unterschwelligen Not ist, die das kapitalistische Wirtschaftssystem besonders dort erzeugt, wo es weitgehend frei und ungebremst agieren kann. Dabei zeigt sich nicht zuletzt der immanente Rassismus, der diesem System eingeschrieben ist.

Um der wachsenden Ungleichheit, die die Ärmsten immer mehr von den Reichsten trennt, etwas entgegenzusetzen und die vom Kapitalismus weitgehend verschütteten Werte der Solidarität und der Gleichheit wieder auf die politische Tagesordnung zu setzen, ist heute ein Umdenken notwendig. In unserem diesjährigen Schwerpunkt blicken wir deswegen besonders auf die Menschen, die am meisten von der neokolonialen Ausbeutung des Westens betroffen sind und die nicht oder kaum von den sozialen Sicherungssystemen, die es in der westlichen Welt glücklicherweise noch gibt, profitieren.

Auch zu diesem Themenkomplex haben ein neues Buch von Alain Badiou. Seine zweite Neuerscheinung bei Passagen in diesem Herbst widmet Alain Badiou dem, was er das nomadische Proletariat nennt, nämlich den Migranten und Flüchtlingen auf der ganzen Welt, denjenigen, die heute am stärksten von der Ausbeutung des globalen Kapitalismus betroffen sind und die daher in Badious Augen am ehesten das Potenzial besitzen, eine neues revolutionäres Subjekt zu bilden.

Die französische Aktivistin und Politikwissenschaftlerin Francoise Vergès stammt von der Insel La Reunion, deren Kolonialgeschichte ihre Biografie und ihre Arbeit nachhaltig geprägt hat. Ihr neues Buch ist ein Manifest für einen dekolonialen Feminismus. Darin betont sie, dass der strukturelle Sexismus der Gesellschaft oft zugleich ein Rassismus ist. Deswegen muss die Solidarität mit den Frauen des globalen Südens sowie mit jenen meinst „unsichtbaren“ Frauen, die das Funktionieren der westlichen Gesellschaften im Hintergrund (z. B. als Reinigungskräfte) gewährleisten, heute ein zentrales Anliegen des Feminismus sein.

Der aus dem Senegal stammende französische Philosoph, Souleymane Bachir Diagne, arbeitet dagegen an einer Dekolonialisierung des philosophischen Denkens. In seinem Buch Philosophieren im Islam plädiert dafür, an den fruchtbaren Dialog zwischen offenbartem Wort und zur philosophisch-rationaler Interpretation anzuknüpfen, der seit Jahrhunderten in der islamischen Welt existiert und für den exemplarisch die Werke Avicennas, Averroes’ und Ghazalis stehen. Gerade angesichts der Dominanz von Islamismus und Fundamentalismus im medialen Diskurs ist die Perspektive, die Diagne in seinem Buch entwirft, ein wichtiges Gegengewicht. Indem er die vielfältigen Synthesen von islamischer Theologie und westlicher Philosophie erforscht, dekonstruiert er die vermeintliche Dichotomie zwischen rationalem, westlichem Denken und rationalitätsfeindlicher religiöser Ideologie.

Jacques Rancière wirft in seinem neuen Buch In welchen Zeiten leben wir? einen kritischen Blick auf unsere Gegenwart – eine Gegenwart, die sich spätestens seit dem Fall der Sowjetunion nicht mehr auf eine große Emanzipationserzählung stützen kann. Doch im Gegensatz zu Alain Badiou sieht Rancière darin keineswegs einen Mangel, sondern eine Chance für die sozialen Bewegungen der Gegenwart und der Zukunft. Mit Blick auf die veränderten Formen des politischen Protests in der Gegenwart versucht Rancière, die komplexen Bedingungen für einen Emanzipationskampf in der Gegenwart zu begreifen.

Die Passagen Gespräche sind mittlerweile ein fester Begriff in der intellektuellen Landschaft in Berlin, Wien und Zürich geworden. Aber Corona hat auch hier zugeschlagen, in diesem Jahr mußten wir alle mit der Gessnerallee in Zürich und der Volksbühne Berlin geplanten Veranstaltungen absagen. Wir hoffen, dass wir sie nach der Krise nachholen können, und freuen uns auf die baldige Fortführung der Zusammenarbeit mit unseren beiden Kooperationspartnern.

Passagen bedeuten immer auch Bewegung, Ausbruch, Störung. Und Stören bedeutet Passagen, Eröffnung neuer Denkräume und Erkundung von Wegen und Möglichkeiten, wie wir die gesellschaftlichen Verhältnisse aktiv verbessern können. Nach diesem Motto setzen wir auch in Corona und nach Corona unsere Arbeit fort und versuchen, unseren Überzeugungen und Träumen von einer besseren Welt weiterhin treu zu bleiben.

Peter Engelmann

 

Zum Katalog als PDF-Version gelangen Sie hier.

 
Peter Engelmann

Peter Engelmann