Positionierung

Herbst 2021

Das beispiellose Versagen der EU-Bürokratie und der nationalen europäischen Regierungen bei der Corona-Impfstoffbeschaffung hat schonungslos die Schwächen unserer westlichen Demokratien offengelegt. Diese Schwächen sind nicht neu, aber diesmal unmittelbar tödlich.

Kein Wunder, dass so viele Menschen nun mit dem Gedanken spielen, die Demokratie hätte versagt und ein autoritäres System wäre vielleicht gar nicht so schlecht. Vielleicht ist die Desavouierung der Demokratie langfristig einer der größten Schäden, die die abgehobene Politikkaste in den letzten Jahren angerichtet hat.

Dabei vergessen viele mit autoritärer Herrschaft liebäugelnder Menschen die furchtbaren Erfahrungen mit den totalitären Regimen des 20. Jahrhunderts. Und sie vergessen, dass sie in autoritären Staaten in den Status von Abhängigen ohne die mit der bürgerlichen Revolution gewonnenen Freiheitsrechte zurückversetzt werden, in ein System, in dem nicht das Recht zählt, sondern das Recht des Stärkeren. Ob sie das wirklich wollen?

Unsere längerfristig wichtigste Aufgabe im Verlag, die auch dieses Herbstprogramm reflektiert, sehe ich daher darin, innezuhalten und nachzudenken, was wir eigentlich mit der Demokratie erreicht haben. Dazu muss man alle kritischen Auseinandersetzungen mit unserem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem ernst nehmen und daraufhin prüfen, ob sie nur altbekannte, gescheiterte totalitäre Politiksysteme wieder zurückhaben wollen oder ob sie Ansätze liefern, unsere Demokratie zu verstehen und weiterzuentwickeln. Denn bei allen in den letzten Jahren überdeutlich gewordenen Schwächen unserer Demokratie sollten wir nicht vergessen, daß die Freisetzung der Individuen, ihre Befreiung aus feudaler Abhängigkeit und die Anerkennung ihrer nicht hintergehbaren Freiheitsrechte als Menschenrechte der größte zivilisatorische Fortschritt ist, den wir kennen. Demokratie ist die stetige Aufgabe, Gesellschaft auf der Grundlage freier Individuen zu organisieren.

Peter Engelmann

Über das aktuelle Programm

Diesen Herbst erscheint Slavoj Žižeks Hauptwerk Das erhabene Objekt der Ideologie erstmals in der langerwarteten deutschen Übersetzung. 30 Jahre nach der Publikation der englischen Ausgabe ist Žižeks Standardwerk der Ideologiekritik noch immer von größter Aktualität. Als dieses Buch veröffentlicht wurde, war die Sowjetunion bereits am Zerfallen, und vielerorts hieß es, die Ideologien seien nun an ihr Ende gelangt. Žižek argumentierte damals, dass ein ideologiekritisches Denken in der Epoche des sich globalisierenden neoliberalen Kapitalismus keineswegs überflüssig geworden sei. Es mag zwar so aussehen, als hielten zynische Neoliberale es nicht mehr für nötig, ideologisch zu verschleiern, dass sie nur ihre egoistischen Interessen verfolgen. Žižek zeigt jedoch, dass die Perversionen der ideologischen Fantasie auch das scheinbar selbstbestimmte Handeln neoliberaler Subjekte unterwandern. Mit seiner lancanianischen Hegellesart hat der vermeintlich angestaubten marxistischen Disziplin der Ideologiekritik zu einem neuen Aufschwung verholfen. Dieses Buch stellt Žižeks Analyse nun endlich auch der deutschsprachigen Diskussion zur Verfügung.

Heute, 30 Jahre später, sind wir im Zusammenhang mit der Coronapandemie mit einer ganzen Reihe neuer, ideologisch interessanter Phänomene konfrontiert: Während populistische Politiker glauben, sich ihre „alternativen Fakten“ selbst zurechtlegen zu können, weil sie in den sozialen Medien gelernt haben, dass die Überzeugung der Masse Realitäten schafft, florieren auf eben jenen Kanälen die waghalsigen Konstruktionen privater Verschwörungstheoretiker und Coronaleugner, die nicht mehr eindeutig mit den Begriffen „rechts“ oder „links“ klassifizierbar sind. Auch wenn sich die klassisch ideologischen Fronten einer in Blöcke geteilten Welt längst aufgelöst haben, beobachten wir heute die Ausbreitung einer unüberschaubaren Vielzahl von Ideologien – eine Trend, der sich durch „Bubbles“ und informative Feedbackschleifen noch mehr verstärkt. Es scheint, als sei dies das ideologische Abbild einer zwar kapitalistisch universalisierten, aber innerlich vielfach fragmentierten Welt. Wenn wir die adäquaten Instrumente zum Verständnis der komplexen ideologischen Phänomene der Gegenwart entwickeln wollen, führt an Das erhabene Objekt der Ideologie sicherlich kein Weg vorbei.

Eng verzahnt mit der Ideologiekritik ist auch die Frage nach Theorie und Praxis, also nach dem Verhältnis von tatsächlichem Handeln und intellektuellem Bewusstsein, das die marxistische Theorie von den materiellen Produktionsverhältnissen abhängig macht. In einem seiner frühen Seminare hat sich Jacques Derrida gemeinsam mit Studierenden dieses Themas angenommen. Dabei geht seine Lektüre deutlich über die Werke von Marx und Althusser hinaus, um sich in Auseinandersetzung mit Heidegger und Kant zu einer grundlegenden Befragung der Begriffe „Denken“ und „Tun“ vorzuarbeiten.

Eine weitere Neuerscheinung in unserem aktuellen Programm nähert sich aus einer ganz anderen Richtung dem Thema der Ideologiekritik an. Der französische Philosoph und Soziologe Geoffroy de Lagasnerie nimmt in seinem neuen Buch Das politische Bewusstsein die großen Begriffe der politischen Philosophie unter die Lupe (den Gesetzgeber, das Volk, den Bürger usw.). Diese sind seiner Ansicht nach nicht bloß als ideologisch zu kritisieren, sondern, als pure Fiktionen, vollkommen zu verwerfen. Obwohl er nicht direkt auf Marx rekurriert, geht Lagasnerie dennoch wesentlich „klassischer“ vor, als Žižek dies vor 30 Jahren tat: Notwendig sei eine schonungslose Auseinandersetzung mit der sozialen Wirklichkeit. Lagasnerie fordert, dass wir die Realität so betrachten, wie sie wirklich ist. Dabei darf man nicht vergessen, dass es ihm wie Marx drum geht, die Welt nicht nur zu erklären, sondern wirklich zu verändern. Ob sein Frontalangriff auf die politische Philosophie eine nachhaltigere Erschütterung auszulösen vermag als Slavoj Zizeks bereits zum Klassiker avancierte Psychoanalyse des ideologischen Bewusstseins, ist eine Frage, über die sich die Passagen Leser*innen diesen Herbst ihre eigene Meinung bilden können.

Das Passagen Programm widmet sich jedoch auch ganz unmittelbar – oder zumindest unmittelbar philosophisch – den aktuellen Ereignissen. Jean-Luc Nancy philosophiert in seinem neuen Buch Ein allzumenschliches Virus über die historische, wenn nicht gar epochale Bedeutung der Coronapandemie, und zwar im Sinne eines Phänomens, das als Teil einer tiefgreifenden Veränderung verstanden werden müsse, die unser Menschsein als solches auf den Prüfstein stellt.

Außerdem erscheint diesen Herbst endlich Alain Badious Seminar über das Böse und die Liebe. Ein Quell der Inspiration, aus dem zwei seiner erfolgreichsten Bücher hervorgegangen sind und der zudem allen intellektuell Interessierten Gelegenheit gibt, diese beiden grundlegenden Begriffe unter Badious didaktischer Führung in ihrer ganzen philosophischen Komplexität zu ergründen.

Der renommierte Altphilologe Hellmut Flashar legt mit seiner „Frühgriechischen Philosophie“ ein weiteres Standardwerk zur antiken Philosophie vor. Diesmal konzentriert er sich auf jene gemeinhin (und zu Unrecht) als „Vorsokratiker“ bezeichneten Philosophen, die im antiken Griechenland den Grundstein für die westliche Philosophietradition gelegt haben.

Natürlich finden Sie noch viele weitere spannende Publikationen in unserem aktuellen Programm. Zudem hoffen wir sehr, in absehbarer Zeit unsere öffentlichen Gesprächsveranstaltungen fortsetzen und Sie bald wieder persönlich auf den Buchmessen in Frankfurt und Leipzig begrüßen zu können.

Bleiben Sie gesund.

Das Passagen Lektorats-Team