Katalog

Am Anfang unseres diesjährigen Frühjahrsprogramms steht ein neues Buch von Jacques Rancière. Mit Zeit der Landschaft knüpft der Autor an seine früheren Überlegungen zu Politik und Ästhetik an: Er zeigt, dass sich im 18. Jahrhundert ein neues ästhetisches Regime herausbildet, in dem die Landschaft erstmals eine zentrale Bedeutung einnimmt. In der Folge der Französischen Revolution wird sie zum Schauplatz ästhetisch-politischer Kämpfe: Der französische Garten als Symbol einer absolutistischen Ordnungsvorstellung trifft auf das romantische Ideal einer wilden und unberührten Landschaft, in der sich die Natur selbst als Künstlerin offenbart. Zeit der Landschaft untersucht die Anfänge einer ästhetischen Revolution, die unsere Vorstellung von Kunst und Ästhetik bis heute prägt.

Alain Badiou legt dieses Jahr ein sehr persönliches Buch vor. In Oliviers Grabmal erzählt er aus dem Leben seines Adoptivsohns Olivier Ntumba Winter Badiou, der bei einem tragischen Bergunfall frühzeitig ums Leben kam. In dieser intimen Betrachtung gelingt es dem Philosophen immer wieder, auch die universelle Bedeutung dieses Einzelschicksals spürbar zu machen: etwa wenn er von der schwierigen Suche des jungen Mannes nach seinem Platz in einer Gesellschaft berichtet, die sich zwar ihrer eigenen Diversität rühmt, aber zugleich zutiefst rassistisch ist, oder wenn er die existenzielle Frage erörtert, was ein „unvollendetes Leben“ bedeutet.

Eine Neuerscheinung, die im buchstäblichen Sinne aus der Reihe tanzt, ist Hélène Cixous’ Buch Liebes Tier. Basierend auf einem Vortrag, den die Autorin vor Kindern gehalten hat, widmet sich dieses Buch der Beziehung von Mensch und Tier. Cixous erzählt darin Geschichten von Tieren, insbesondere aus ihrem eigenen Leben mit Tieren. Dabei stellt sie eindrucksvoll unter Beweis, dass ihre Sprache keine große Komplexität braucht, um poetisch zu sein. Auch politische und feministische Impulse fehlen in diesem Text nicht. Liebevoll illustriert von Adel Abdessemed, hat dieses Buch das Potential, Kinder und Erwachsene gleichermaßen zu begeistern.

Auch der senegalesische Philosoph Souleymane Bachir Diagne ist dieses Frühjahr wieder mit einem neuen Buch in unserem Programm vertreten. In Bergson postkolonial geht der Autor dem Einfluss der Philosophie Henri Bergsons auf den senegalesischen Theoretiker, Dichter und Politiker Léopold Sédar Senghor sowie den islamischen Philosophen und Staatsmann Muhammad Iqbal nach. Insbesondere mit Blick auf die Verbindung von Philosophie, Dichtung und Politik, die für beide Autoren charakteristisch ist, erweist sich der interkulturelle Dialog mit der Philosophie Bergsons als besonders fruchtbar. Zentral ist dabei die die Tatsache, dass Iqbal und Senghor in Ihrem politischen Wirken maßgeblich zur Gründung der postkolonialen Staaten Senegal und Pakistan beigetragen haben.

Der interkulturelle Dialog spielt auch im Denken von François Jullien eine entscheidende Rolle. In seinem neuen Buch Das Unerhörte versucht er sich dem Kant’schen Ding an sich über den Umweg der chinesischen Philosophie zu nähern. Ausgehend von der Erfahrung, dass wir die Gegenstände unseres Alltags gewissermaßen durch unsere Gewohnheit versteinern, versucht Jullien den Blick für das Nichtintegrierbare zu schärfen, jenen Rest, der sich unserer Wahrnehmung entzieht und der gerade deswegen das verborgene Potenzial der Dinge zu offenbaren vermag – und damit letztlich auch das unserer eigenen Existenz.

Last but not least haben in diesem Frühjahr auch einen neuen Autor im Programm: Frédéric Gros ist in Frankreich Herausgeber der Werke Michel Foucaults und mit dessen Arbeit eng vertraut. In seinem Buch Ungehorsam stellt er die Frage, warum uns der Ungehorsam selbst angesichts der größten Ungerechtigkeiten so schwer fällt. Ungehorsam bedeutet, gegen den Strom zu schwimmen. Philosophie und Denken sind grundsätzlich ungehorsam, denn sie zwingen uns, unsere Gewissheiten und die gesellschaftlichen Konventionen immer wieder zu hinterfragen. Gros’ Schlussfolgerung ist klar: Mit Blick auf gesellschaftliche Ungleichheit und den Klimawandel haben wir als mündige Bürger eine Pflicht zum Ungehorsam.

Das Passagen Lektoratsteam