Die ersten drei Bücher unseres Herbstprogramms
begegnen der Krise unserer Gegenwart mit
unterschiedlichen Versuchen, aus unserer Vergangenheit
Schlüsse zu ziehen für das, was aus dieser Krise
entstehen wird. Wie der Okzident die Welt in Besitz
nahm des berühmten französischen Anthropologen
Maurice Godelier ist unser Spitzentitel in diesem
Herbst. Diese Wahl folgt dem Gedanken, dass es in
einer Zeit der Unsicherheit und der Neuorientierung
wichtig ist, sich seiner Vergangenheit zu vergewissern
und sie zu verstehen. Die bisherigen wirtschaftlichen,
politischen und kulturellen Strukturen der eurozentrischen
Globalisierung seit dem 15. Jahrhundert zerfallen
vor unseren Augen, während neue Mächte den
westlichen Eurozentrismus herausfordern und seine
Vormachtstellung bestreiten. Antirassismus und Dekolonialisierung
sind genauso Symptome dieser Wandlung
wie der Aufstieg autoritärer Gesellschaften wie
in China oder Russland, denen gemeinsam ist, dass
sie allesamt „westliche Werte“ in Frage stellen. Mit
seiner historischen Analyse stellt Godelier die Frage,
welche Perspektiven sich für okzidentale Gesellschaften
eröffnen, nachdem ihre Vormachtstellung ins
Wanken geraten ist. Ob diese Entwicklung zu einer
besseren Welt im Sinne der Gleichberechtigung aller
führt, bleibt abzuwarten.
Algériance von Hélène Cixous nähert sich dem
Thema mit ihrer spezifischen Verbindung von Theorie
und Autofiktion, von Poesie und Philosophie, die ihr
Schreiben so einzigartig macht. Ihr Buch kann als
Dekonstruktion der kulturellen Aspekte des kolonialen
Projekts mit seinen verschiedenen Ebenen der Unterdrückung
gelesen werden. Cixous entfaltet auch in
ihrem neuen Buch ein Schreiben der Relationalität,
das in Körpern und Sprachen denkt und im Verhältnis
von Tieren und Menschen, von Lebenden und Toten
neue Wege beschreitet und Horizonte einer hoffentlich
gewaltlosen Zukunft erträumt. Dank Cixous‘ ungewöhnlicher
Herangehensweise gewinnen wir auch mit
ihrem neuen Buch neue, überraschende Erkenntnisse
zur kolonialen Vergangenheit und ihrem Erbe in der
Gegenwart.
Ubuntu von Souleymane Bachir Diagne ist das
dritte Werk zu dem Themenkomplex der europazentrischen
Globalisierung, ihrer Folgen und ihres Verfalls.
Diagne positioniert sich in seinen Büchern gegen den
üblichen, simplifizierenden, spaltenden und aufhetzenden
Dekolonialismus, der Wunden leckt, aber
keinen Weg in die Zukunft unseres Planeten weist.
So furchtbar die Verbrechen des Kolonialismus auch
sind, dispensiert uns die berechtigte Anklage dieser
Verbrechen nicht von der Aufgabe, einen Weg des
Zusammenlebens jenseits von Rache, Krieg und Umkehr
der Unterdrückung zu suchen. Geboren im Senegal,
ausgebildet an der berühmtesten Hochschule in
Frankreich und Professor an der Columbia University
in New York, ist Diagne Kenner beider Seiten des Konflikts.
Wie kein Zweiter ist er berufen, den Dekolonialismus
aus seiner konfrontativen Sackgasse zu befreien
und zu einer neuen, nachkolonialen, auf allseitigem
Respekt beruhenden Vision unseres Zusammenlebens
auf unserem Planeten weiterzuentwickeln.
Auch wenn jedem Buch eine besondere Ansprache
zusteht, möchte ich abschließend noch auf zwei
Werke hinweisen, die Ihre besondere Aufmerksamkeit
verdienen. Ingo Kramer legt mit seinem Buch Die Arbitrarität
des Werts. Marxismus und Semiologie eine
meisterhafte Analyse vor, die – ähnlich wie Jacques
Derrida für die Philosophie – die Semiologie für eine
Erneuerung der Werttheorie verwendet. Ein weiteres
Opus Magnum in diesem Herbstprogramm ist Gerhard
Gotz‘ Buch Vom Denken zum Sein. Kritische
Hinführung zu den Grundzügen einer Ontosophie,
das den Nachweis absoluter Begründung alles Endlichen
versucht. Was dem oberflächlichen Denken auf
den ersten Blick unzeitgemäß erscheint, folgt jedoch
motivisch der großen philosophischen Tradition von
Parmenides und Heraklit, und vor allem Platon und
Kant. Auf diesem Weg sucht Gerhard Gotz eine
Fundierungsebene, die den Menschen individuelle
Freiheit und ihrer Freiheit universale Sinnorientierung
sichert.
Beides keine leichte Kost, aber durchaus lesenswert.
Zur „Erholung“ empfehle ich das neue Buch von
Michel Foucault, Die schöne Gefahr. Über Sprache
und Tod. In dem Gespräch mit Claude Bonnefoy lernen
wir einen neuen Michel Foucault kennen: den
Privatmenschen, der über seine Arbeit und seine Bücher
sprechen will – auch auf die Gefahr hin, sich
zu blamieren.
Peter Engelmann
