In eigener Sache

Wir trauern um unseren langjährigen Autor und Weggefährten Jean-Luc Nancy.

Man soll nichts aufschieben. Nach unserem ersten Passagen Stream hatten wir uns vorgenommen, einen weiteren zu produzieren, Themen aus dem ersten zu vertiefen und neu aufgekommene zu besprechen. Jetzt geht das nicht mehr. Stattdessen nun bedrückte Trauer wie bei allen, die ihn kannten und schätzten und vor allem mochten. Und das waren viele. Seinem sanften, warmherzigen, für mich immer auch melancholischen Charme konnte man sich nicht entziehen. Dabei war er in seinem Einsatz für die Sache des Denkens immer wach, unermüdlich und nicht zimperlich, ich erinnere mich, wie er Giorgio Agamben abgefertigte, als der sich zum Vordenker der Verschwörungstheoretiker aufgeschwungen hatte, für die Corona-Maßnahmen nur er ein Vorwand zur Durchsetzung der Interessen des Kapitals waren.

Als ich Jean-Luc Nancy vor 40 Jahren in Paris kennenlernte, stand er für mich zunächst im Schatten von Jacques Derrida. ich habe dennoch früh bemerkt, dass er mit dem Thema der Gemeinschaft, den blinden Fleck der Dekonstruktion ansprach und mit seiner Arbeit zur erhellen suchte. in der Tat liegt der Focus des Derrida’schen Denkens auf der Klärung der Möglichkeit eines individuellen, das seine Geltung nicht von einem allgemeinen verliehen bekommt, sondern aus sich selbst heraus. Jean-Luc Nancy teilte diese antitotalitäre Motivation des Derrida’schen Denkens, aber er sah die unabweisbare Frage, wie denn nun Gemeinschaft entstünde, wenn sie nicht mehr als dem Individuum vorausliegend gedacht werden kann und soll. in der ganzen oftmals unerträglich esoterischen Umgebung der Derrida-Jünger war Jean-Luc Nancy der Denker, der die politische Intention der Dekonstruktion am besten verstanden und sie durch die Frage nach Gemeinschaft geerdet hat. Eine wirkliche Weiterführung des Denkens Derridas und nicht, wie bei den meisten Derrida-Erklärern eine bloße Wiederholung des Denkgestus Derridas.

Jean-Luc Nancy wird uns fehlen, als intellektueller Partner, als Weggefährte des Passagen Verlages, in dessen erstem Programm er vertreten war. Vor allem aber als warmherziger, humorvoller, stets wohlwollender Freund.

Peter Engelmann