Wir sind gerade ungläubige Zeugen eines Siegeszugs autokratischer Politiksysteme. Wir reiben uns verwundert die Augen und können nicht fassen, wie selbst in der westlichen Musterdemokratie das Rechtssystem unterminiert und die demokratischen Institutionen entmachtet werden. Und das von einem demokratisch gewählten Präsidenten und seinem Gefolge. Die Frage ist nicht, ob dieser Präsident – wie es im Rahmen demokratischer Wahlen zur Entwicklung des Gemeinwesens durchaus vorgesehen ist – vielleicht nur gesellschaftliche Fehlentwicklungen korrigiert, sondern ob seine Reaktion nicht deshalb gefährlich ist, weil sie das Rechtssystem aushöhlt, demokratische Institutionen delegitimiert und alle Macht an sich reißt. Die europäische Aufklärung – und Demokratien als ihre politischen Formen – waren das Resultat der Kritik an jahrhundertealten autokratischen Herrschaftssystemen in Europa. Seit der europäischen Aufklärung galt normativ, dass alle Menschen gleiche Rechte haben sollen und Konflikte in einem unabhängigen Justizsystem bearbeitet und verbindlich gelöst werden sollen. Für die Beziehung zwischen Staaten entstand analog dazu das Völkerrecht. Davon scheint heute nicht mehr viel übrig zu sein. In Europa wurde uns dies durch den Überfall Putins auf die Ukraine unübersehbar vor Augen geführt. Leider haben die Europäische Union und die meisten europäischen Nationalstaaten 2022 die Zeichen der Zeit nicht erkannt und es versäumt, diesen Zivilisationsbruch von Anfang an mit all ihren Möglichkeiten zu bekämpfen. Mit dem Resultat, dass sich dieser Krieg nun endlos hinzieht und sich unsere eigene Gesellschaft zu immensen Kosten immer weiter militarisiert. Man musste die Ukraine nicht mögen, aber man hätte verstehen müssen, dass die nicht klar beantwortete Verletzung des Völkerrechts das Tor zur vorzivilisierten Hölle weit aufsperren und es anderen Autokraten ermöglichen würde, diesen Weg in Zukunft „legitimiert“ zu gehen. Mittlerweile sind wir schon zwei Kriege weiter und es ist nicht abzusehen, wohin uns diese Entwicklung noch führt. Ein gutes Verlagsprogramm zeichnet sich dadurch aus, dass sich auch nach Jahrzehnten noch Ideen und Ansätze für die Erklärung aktueller politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen in den Büchern des Verlags finden lassen. Doch was sind diese Bücher heute? Es ist nur eine Randnotiz, aber die zunehmende Unordnung unserer Welt macht auch die Verlagsarbeit nicht leichter. Andererseits hatte Verlagsarbeit immer schon etwas von Glaskugellesen. Welche Themen werden aktuell sein, wenn die Bücher, die ich jetzt plane, erscheinen? Mit den Schnellschüssen als Antwort reicher Verlagshäuser auf diese Frage konnte ein kleines, engagiertes Programm nie mithalten. Das Passagen Programm hat daraus den Schluss gezogen, das zu tun, wofür der Verlag seit seiner Gründung angetreten ist, nämlich Bücher zu machen, die versuchen, in die Tiefe zu gehen und gesellschaftspolitische Grundlagen zu erforschen. Der Passagen Verlag will Bücher machen, die es uns im Chaos der Ereignisse ermöglichen, Kurs auf den Erhalt des gesellschaftlichen Fortschritts der Aufklärung und ihrer politischen Form zu halten. Das daraus entstehende Programm umfasst alle Formen der Reflexion und des Ausdrucks, auch wenn nur ein verschwindend kleiner Teil davon realisiert werden kann. Es lässt sich weder durch Grenzen von Wissenschaftsdisziplinen noch durch künstlerische Ausdrucksformen einschränken. Es wehrt sich gegen Denkverbote durch politisch motivierte ideologische Einteilungen. Es will weder rechts noch links sein, sondern die Freiheit des Denkens erhalten – denn nur so kann es die Grundüberzeugung bewahren, dass uns die europäische Aufklärung einen zivilisatorischen Fortschritt gebracht hat, der allen Menschen dient. Die Zivilisationsbrüche des Jahrhunderts sind eine furchtbare Mahnung, bei dieser Anstrengung nicht nachzulassen. Die Zivilisation der Aufklärung war immer ein unvollkommenes Projekt. Ihr Wesen ist nicht die Beschreibung eines Zustands, sondern die Formulierung des Ziels eines besseren Lebens für alle. Nicht zufällig ähneln sich christliche und marxistische Wunschbilder – nicht, weil sie religiös wären, sondern weil es jeweils unter den Bedingungen und mit dem Wissen der Zeit um eine bessere Welt geht. Der eklatante Unterschied zwischen den Idealen der Aufklärung und den realen Zuständen war von Anfang an der Stachel im Fleisch der Aufklärung. Die Diskrepanz zwischen den Idealen der Aufklärung und der Unvollkommenheit der Zustände ist der Motivator aller emanzipatorischen Bewegungen seither. Dabei nicht in voraufklärerische Konzepte zurückzufallen, ist seither die Aufgabe, zu deren Lösung wir mit unserem Programm beitragen wollen.
Peter Engelmann