In eigener Sache

Am 24.2. hat Russland die Ukraine überfallen und führt seitdem einen Vernichtungskrieg gegen dieses souveräne Land. Putins Soldateska begeht unerträgliche Kriegsverbrechen in der Ukraine und zerstört systematisch die Infrastruktur, sein Land bricht das Völkerrecht und zersetzt die europäische Sicherheitsarchitektur. Dieser Überfall auf einen souveränen Staat führt zurück in das 19. Jahrhundert, in dem vordemokratische Herrscher imperialistische und kolonialistische Ambitionen mit der Anzettelung von Kriegen durchzusetzen versuchten. Aber der Überfall auf die Ukraine zerstört nicht nur dieses Land, sondern verändert auch radikal unsere Lebensbedingungen. Denn die Logik des Aggressors zwingt auch dem Überfallenen die Logik des Krieges auf. Die Aggression widerstandslos hinzunehmen, ist keine Option, sondern führt nur zu weiterer Aggression. Das ist die Lehre sowohl aus dem Umgang der Westmächte mit Hitler-Deutschland als auch aus unserem Umgang mit den vorangegangenen Aggressionen Putin-Russlands. Alle Experten, die nicht zum Schröder-Merkel-Block gehören, der durch seine Russlandpolitik die jetzige Situation erst heraufbeschworen hat, sagen, ein aggressives Russland lässt sich nur durch Härte von seinen Eroberungskriegen abhalten. Spätestens seit der Annexion der Krim hätte man Russland so gegenübertreten müssen, wie heute nach dem russischen Überfall auf die Ukraine. Es kann der Friedfertigste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Im Verhältnis zwischen den Staaten ist es wie im Binnenverhältnis eines Staates: Ohne Rechtsordnung herrscht Gewalt, und alle, auch die Friedfertigen, müssen sich darauf einstellen und darauf vorbereitet sein. Der Überfall auf die Ukraine ist auch ein Überfall auf uns, auf unsere Überzeugungen, auf unsere Werte und auf unser demokratisch verfasstes Zusammenleben sowie seine Institutionen des friedlichen Interessenausgleichs innerhalb unserer Staaten und im Verhältnis zwischen ihnen. Wollen wir uns den russischen Aggressionen nicht ausliefern, sondern uns vor ihnen schützen, müssen wir uns in der Logik der Gewalt darauf vorbereiten, das Völkerrecht zu schützen. Herr Lawrow träumt offen davon, die Amerikaner, und das meint die Nato und den Atomschutzschirm, den die USA über Europa spannen, aus Europa zu vertreiben. Zu welchem Zweck? Das Resultat ist in Putins Logik der Gewalt nicht ein demokratisches Europa, sondern die „Befreiung“ unserer Länder von der Demokratie.

Wer für Putin eintritt, wendet sich gegen unser demokratisch verfasstes Leben. Wie mangelhaft es auch sein mag, es ist das Beste, was wir haben. Eine dünne Schicht von Zivilisation, die uns vor einem Leben wie in Putin-Russland und vor dem Schicksal seiner Nachbarn bewahrt.

 

Fast schäme ich mich, angesichts des unerträglichen Leids, das Putins Russland über die Ukraine bringt, ein normales Programm vorzulegen und noch dazu in diesem Herbst 35 Jahre Passagen-Projekt zu feiern. Aber wenn ich an die ja-aber-Fraktion der Putin-Versteher denke, mit denen ich mich fast täglich auf Facebook herumschlagen muss, weiß ich, dass es richtig ist, was ich mit der Gründung des Passagen Verlags vor 35 Jahren erreichen wollte und wofür der Verlag seit seiner Gründung steht.

Was als Aufarbeitung der leidvollen Geschichte der totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts in Deutschland und meiner persönlichen Erfahrungen in der DDR begann und Warnung sein sollte vor totalitären Entwicklungen in unserer Gesellschaft, ist jetzt zur Analyse einer neuen Realität geworden und deshalb dringlicher denn je.

Die Gründung des Passagen Verlages und die Entwicklung seines Programms war von der Überzeugung getragen, dass politikwissenschaftliche Analysen nicht ausreichen, sondern dass wir auch die ideologischen Grundzüge totalitärer Herrschaft und ihre Wurzeln in den gesellschaftlichen Gegebenheiten und der westlichen Philosophie und Kultur möglichst gut verstehen müssen, um totalitäre Tendenzen früh zu erkennen und Widerstand gegen sie leisten zu können.

Meine Erfahrungen mit der Realität des Sozialismus in der DDR und mein Studium der Philosophie an der Humboldt Universität in Berlin führten mich zur Untersuchung der marxistischen Philosophie als Legitimationsdiskurs des totalitären politischen Systems des Realen Sozialismus und von dort zu einer Untersuchung der Hegel’schen Philosophie, als deren materialistische Umstülpung sich Marx verstand. Dafür gab es zu dieser Zeit in Westdeutschland aber wenig Referenzen und keine Unterstützung, wenn man nicht konservative Positionen einnehmen wollte.

Das nicht-konservative, linksliberale Milieu in Westdeutschland war in den 80er-Jahren noch stärker als heute von der Habermas’schen Version des westlichen Marxismus beherrscht und folgerichtig voller Sympathie für die DDR, bis hin zu absurden Versuchen, 1998 die Wiedervereinigung zu sabotieren. Alle Untersuchungen des Marxismus wurden als Angriff auf die allein richtige kritische Theorie des westlichen Marxismus verstanden und als „rechts“ diffamiert. Universitäten, Verlage und Medien waren bis auf wenige Ausnahmen in der Hand dieses Verbundes. In der zeitgenössischen Philosophie konnte dieses Milieu keine Referenz für ein kritisches Denken sein. In Frankreich dagegen hatte sich seit den 60er-Jahren ein gesellschaftskritisches philosophisches Denken entwickelt, das nicht nur die totalitäre Naziherrschaft sah, sondern ebenso die totalitäre Sowjetherrschaft in den Blick nahm. Philosophen wie Michel Foucault, Jacques Derrida, Jean-François Lyotard, Gilles Deleuze, Jacques Rancière oder Jean-Luc Nancy rebellierten gegen die affirmative Sicht auf das totalitäre System des Stalinismus und seine marxistischen Apologeten. Allesamt wandten sich diese Philosophen dagegen, dass dem Individuum seine Geltung nur als Moment eines Allgemeinen zugestanden wurde, wie es in der Hegel’schen Wissenschaft der Logik auf die Spitze getrieben wurde. Gegen diese dann von Marx als materialistische Dialektik fortgeführte Sicht des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft, der potenziell ein totalitäres Politikkonzept entspricht, versuchten die französischen Philosophen, das Individuum als Ausgangspunkt des gesellschaftlichen Zusammenhangs zu denken, ein Konzept, dem politisch Demokratie als herzustellende Gemeinschaft entspricht. Frankreich wurde meine Heimat, weil ich dort Gleichgesinnte und ein aufgeschlossenes intellektuelles Umfeld fand, das auf der Suche war nach einem kritischen Denken jenseits der Apologie einer abgewirtschafteten Ideologie. In diesem Umfeld, insbesondere mit Michel Foucault, entstand der Plan, das zeitgenössische französische Denken gegen alle Widerstände in den deutschen Sprachraum zu bringen. Nachdem ich der Jüngste war und Deutscher, fiel mir in diesem Kreis diese Aufgabe zu. Damit war, was ich damals nicht wusste, mein weiterer Lebensweg vorgezeichnet. Meine Verlagsarbeit wurde neben meiner Lehrtätigkeit und den eigenen Büchern und Texten zur Fortsetzung meiner philosophischen Arbeit in einem anderen Medium und mit anderen Mitteln. Und so ist es bis heute. Alle Besonderheiten des Passagen Verlages und seines sich mit der Zeit verbreiternden und verästelnden Programms erklären sich von heute aus gesehen aus der Logik dieses Beginns. Das Engagement für eine demokratisch und rechtsstaatlich verfasste Gesellschaft auf der Basis von unhintergehbaren individuellen Menschenrechten ist Motivation und Grundlage des Passagen Projekts. Heute versuchen wir diese Haltung auf vielen Wissensfeldern und mit einer Pluralität von Stimmen zu realisieren und uns immer wieder zu erneuern, dabei aber unseren Grundüberzeugungen treu zu bleiben. Auch in unserem Jubiläumsprogramm werden Sie diese Haltung wiedererkennen und hoffentlich schätzen.

Wer den Passagen Verlag kennt, weiß, wie dankbar ich für die Unterstützung bin, die das Passagen Projekt seit jeher erfahren hat, von unseren Lesern und den Passagen Freunden, genauso wie von Journalisten und Buchhändlern, die unsere Arbeit seit langem kritisch-unterstützend begleiten. Nicht zuletzt gilt mein Dank dem engagierten Team des Passagen Verlages, ohne das es diese wichtige Stimme im politisch-intellektuellen Diskurs nicht geben würde.

 

Peter Engelmann