In eigener Sache

Ich möchte in diesem Programm einen Passagen Autor hervorheben, der heute zu Unrecht für die sogenannte Cancel Culture verantwortlich gemacht wird, obwohl er genau das Gegenteil davon philosophisch begründet hat. Statt bisher vernachlässigte Ansprüche bestimmter Gruppen zu verabsolutieren, ging es Jacques Derrida immer um die Rechte aller Differenten. Aber wie kann es sein, dass selbst der Kampf um die Anerkennung der Rechte von bisher ausgegrenzten Minderheiten in einem totalitären Diskurs endet, der seinerseits Minderheitenrechte verabsolutiert? Ich habe in der DDR die Erfahrung gemacht, dass sich eine gut gemeinte Bewegung in ein totalitäres Regime verwandeln kann, und diese Erfahrung rief die gleichen Fragen auf. Als ich 1973 als junger ostdeutscher Philosoph von der Deutschen Bundesregierung aus der Stasihaft freigekauft wurde und nach Westdeutschaland emigrieren konnte, wollte ich diese Diskrepanz zwischen gut Gemeintem und schlecht Endendem möglichst gut verstehen. Seit damals habe ich es als meine Aufgabe betrachtet, zu verstehen, wie totalitäres Denken und Handeln in unserer Sprache, in unseren Denkfiguren Strukturen vor-findet, die es zumindest begünstigen, und was wir tun können, um totalitäres Denken und Handeln zu vermeiden. Denn über alle Unterschiede totalitärer Diskurse hinweg scheint es Gemeinsamkeiten zu geben. Einer Spur dieser Gemeinsamkeiten ist Jacques Derrida in seinem Werk nachgegangen, deshalb wurde er für lange Zeit zum zentralen Autor des Passagen Projekts. Derrida ist der vielleicht komplexeste Autor der französischen Erneuerung der Philosophie seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Das begünstigt, aber entschuldigt nicht, die kurzschlüssige und falsche Interpretation seines Werkes, sowohl durch seine Anhänger als auch durch seine Gegner. Ich wünsche mir, dass möglichst viele Menschen Jacques Derrida erneut lesen, auch wenn er einer der schwierigsten Philosophen ist. Es lohnt sich. Denn wir brauchen wie vor 35 Jahren, als ich den Passagen Verlag zu diesem Zweck gründete, nach wie vor jede Anstrengung, totalitäres Denken zu verstehen und zu bekämpfen. Als 1989 das totalitäre DDR-Regime implodierte, schien sich meine Themenstellung durch den Lauf der Geschichte erledigt zu haben. Aber anders als damals phantasiert wurde, war die Geschichte nicht zu Ende. Aggressive totalitäre Ansprüche tauchten nur in immer neuen Formen auf. Politischer Islamismus oder aggressiver Nationalismus haben die gleiche Struktur wie der DDR-Sozialismus oder eine diskriminierende Wokeness. Einer sogenannten Wahrheit werden alle anderen gesellschaftlichen Ansprüche untergeordnet, im Namen der Durchsetzung dieser einen Wahrheit sind alle Mittel erlaubt und zählen keine Rechte Andersdenkender und Andersseiender. Das Gegenteil von Aufklärung und demokratischer Verfassung ist das Resultat.

 

Peter Engelmann