In eigener Sache

Das beispiellose Versagen der EU-Bürokratie und der nationalen europäischen Regierungen bei der Corona-Impfstoffbeschaffung hat schonungslos die Schwächen unserer westlichen Demokratien offengelegt. Diese Schwächen sind nicht neu, aber diesmal unmittelbar tödlich.

Kein Wunder, dass so viele Menschen nun mit dem Gedanken spielen, die Demokratie hätte versagt und ein autoritäres System wäre vielleicht gar nicht so schlecht. Vielleicht ist die Desavouierung der Demokratie langfristig einer der größten Schäden, die die abgehobene Politikkaste in den letzten Jahren angerichtet hat.

Dabei vergessen viele mit autoritärer Herrschaft liebäugelnder Menschen die furchtbaren Erfahrungen mit den totalitären Regimen des 20. Jahrhunderts. Und sie vergessen, dass sie in autoritären Staaten in den Status von Abhängigen ohne die mit der bürgerlichen Revolution gewonnenen Freiheitsrechte zurückversetzt werden, in ein System, in dem nicht das Recht zählt, sondern das Recht des Stärkeren. Ob sie das wirklich wollen?

Unsere längerfristig wichtigste Aufgabe im Verlag, die auch dieses Herbstprogramm reflektiert, sehe ich daher darin, innezuhalten und nachzudenken, was wir eigentlich mit der Demokratie erreicht haben. Dazu muss man alle kritischen Auseinandersetzungen mit unserem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem ernst nehmen und daraufhin prüfen, ob sie nur altbekannte, gescheiterte totalitäre Politiksysteme wieder zurückhaben wollen oder ob sie Ansätze liefern, unsere Demokratie zu verstehen und weiterzuentwickeln. Denn bei allen in den letzten Jahren überdeutlich gewordenen Schwächen unserer Demokratie sollten wir nicht vergessen, daß die Freisetzung der Individuen, ihre Befreiung aus feudaler Abhängigkeit und die Anerkennung ihrer nicht hintergehbaren Freiheitsrechte als Menschenrechte der größte zivilisatorische Fortschritt ist, den wir kennen. Demokratie ist die stetige Aufgabe, Gesellschaft auf der Grundlage freier Individuen zu organisieren.

Peter Engelmann