Unser Spitzentitel in diesem Frühjahr ist das Buch Ferngesteuerte Gewalt des französischen Philosophen Grégoire Chamayou, das nun in zweiter Auflage erscheint. Als es 2013 im Passagen Verlag erstmals in deutscher Sprache veröffentlicht wurde, schien ferngesteuertes Töten noch ein etwas abseitiges Thema zu sein. In Wahrheit war die philosophische Auseinandersetzung mit dem militärischen Potential der sich rasant entwickelnden Drohnen-Technologie vorausschauend und weitsichtig wie selten ein Buch. Und es hat auch bisher keine vergleichbare philosophische Auseinandersetzung mit der bewaffneten Drohne und den ethischen Fragen, die diese Technologie aufwirft, mehr gegeben.
Als es vor zwölf Jahren zuerst in Paris und dann in Wien erschien, wurde das Buch über Drohnen zunächst nicht besonders beachtet. Wahrscheinlich, weil es seiner Zeit weit voraus war, erkannte weder das Feuilleton noch das Publikum seine Bedeutung. Die damals übliche Beschäftigung mit Drohnen konzentrierte sich auf die Technik und die schönen Fotos, die man damit nun aus der Vogelperspektive machen konnte. Die ethische Frage nach der moralischen Dimension des ferngesteuerten Tötens mit Drohnen wurde nicht gestellt. Dabei lag die Fragwürdigkeit dieser Art zu töten auf der Hand. Ausgangspunkt von Chamayous Überlegungen ist ein allgemein bekanntes, gut dokumentiertes Drohnen-Killing im Irak. Und auch in Afghanistan wurden damals schon Drohnen als Kriegswaffe eingesetzt. War der Einsatz bewaffneter Drohnen damals noch ein Randthema, ist die Frage der Ethik ferngesteuerter Gewalt mit dem massenhaften Einsatz von Drohnen seit dem russischen Überfall auf die Ukraine zu einer zentralen Frage künftiger Kriege geworden. Schienen Drohnen zunächst ein Spielzeug für Technikfans und Photografen zu sein, stellte sich mit dem Krieg in der Ukraine ihr Kriege veränderndes Potential heraus. In der Ukraine erleben wir heute Drohnenschlachten, die Tod und Zerstörung über den Gegner bringen, ohne dass die Drohnenpiloten einen direkten Kontakt zu ihren Opfern haben. Mittlerweile zeichnet sich ab, dass Drohnen und ihre Abwehr zu einem zentralen Thema künftiger Kriege werden. Drohnen sind billig und können leicht in großer Stückzahl hergestellt werden. Damit wird auch ferngesteuertes Töten so billig wie nie. Wird Töten dadurch auch leichter? Verschieben sich die Hemmschwellen, die uns daran hindern, andere Leute umzubringen? Entsteht durch diese neue Art der Kriegsführung eine neue Ethik des Krieges? Töten aus der Ferne, ohne dass Täter und Opfer sich gegenüberstehen, ist nicht neu. Die bewaffnete Drohne ist nur der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung des Tötens auf Distanz. Was mit der Entwicklung von Schusswaffen und Artillerie begann, führte über Massenvernichtungsmitteln, die aus Flugzeugen oder U-Booten abgefeuert werden, zu den heutigen unbemannten, ferngesteuerten Tötungsmaschinen. Computerspiele trainieren bei Kindern und Jugendlichen die Fähigkeit, diese Maschinen zu steuern. Wie lange dauert es noch, bis die an Tötungsspiele gewöhnten Menschen es völlig normal finden, ihre Spiele in einem realen Krieg fortzusetzen?
Die ethischen Probleme neuer Kriegstechnologie und Waffensysteme werden erst bei der Anwendung dieser Technologien und Waffensysteme allgemein bewusst. Und wie bei jedem durch technische Innovation ausgelösten Rausch kehrt bestimmt auch bei der Drohnentechnologie der Kater ein, sobald deren Implikationen allgemein bewusst werden. Ein bekanntes Beispiel ist die Entwicklung der Atombombe. Hiroshima und Nagasaki zeigten der ganzen Welt, dass das Massenvernichtungspotential dieser Technologie im Interesse des Überlebens der Menschheit und des Planeten ethisch eingefangen werden muss. Wir sind überzeugt, dass wir uns genau wie bei der Atombombe und anderen Massenvernichtungstechnologien dringend mit den vernachlässigten ethischen Fragen beschäftigen müssen, die die Drohnentechnologie aufwirft. Grégoire Chamayous Theorie der Drohne, so der Untertitel, ist das erste und nach wie vor wichtigste Buch, das sich mit den ethischen Fragen beschäftigt, die der Einsatz bewaffneter Drohnen aufwirft – es ist ein Anfang.
Auch abseits des Drohnen-Themas hat der imperialistische, neokolonialistische russische Überfall auf die Ukraine uns plötzlich und unvermutet wieder in die vorrechtlichen Zeiten unseres Kontinents zurückgeworfen. Selbst wer keine besondere Nähe zur Ukraine verspürt, wird nun damit leben müssen, dass Putin-Russland die zarte Pflanze der Verrechtlichung der internationalen Beziehungen mit Füßen getreten und vielleicht auf lange Zeit in den Boden gestampft hat. Das ist das über die Ukraine hinausgehende Verbrechen des Putin-Regimes. Denn wo das Rechtssystem zerstört wird, tritt das Recht des Stärkeren an seine Stelle. Rechtsstaatlichkeit im Inneren und Völkerrecht in den Beziehungen nach außen waren der wahre zivilisatorische Fortschritt Europas nach dem Ende der totalitären Regime des 20. Jahrhunderts, die den Kontinent mit Tod und Verwüstung überzogen hatten. Der verbrecherische Überfall Russlands auf die Ukraine droht, wenn er erfolgreich ist, unseren mühevollen zivilisatorischen Fortschritt für lange Zeit oder – denkt man an das Vernichtungspotential heutiger Waffensysteme – vielleicht sogar für immer auszulöschen.
Angesichts dieser neuen gesellschaftlichen Situation müssen sich auch Philosophie und Sozialwissenschaften dringend neu aufstellen. Um ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden, müssen sie ihre bisherigen thematischen Prioritäten überprüfen und an die neuen Herausforderungen anpassen. Das muss angesichts des weltweiten Aufkommens autoritärer Herrschaftsformen auch heißen, die Werte der europäischen Aufklärung zeitgemäß zu reformulieren und sich allen totalitären Bestrebungen jeder Richtung entgegenzuzustellen. Nur wenn wir Klarheit darüber erlangen, was uns ausmacht, was die Grundlage unserer demokratischen Lebensform ist, können wir totalitären Bestrebungen widerstehen.
Peter Engelmann